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  • Hallo TON,


    Die Natur kommt der Artikulation unserer Gefühle mannigfach entgegen. Indessen ist sie nicht die Artikulation der Gefühle. Die Natur ist nicht das objektive Alphabet der Emotionen, aus ihr herauszulesen wie aus einem Buch, wie es die librum-naturae- Tradition nahelegte. Vielmehr scheint es so zu sein, daß die Artikulation der Gefühle uns auch, wenn nicht besonders deswegen gelungen ist, weil die unbegrenzte Vielheit der Naturkorrespondenzen uns zur sukzessiven, also historischen Differenzierung und Versprachlichung unserer Gefühle verholfen hat. Das heißt: im geschichtlichen Prozeß der Vermannigfaltigung von Naturkorrespondenzen erkennen wir zugleich den Prozeß der kulturellen Ausdifferenzierung der Gefühle, Stimmungen, Atmosphären, Befindlichkeiten. In dieser Weise kann man davon sprechen, daß auf dieser Erde, unterschieden nicht nur nach den Kulturen, sondern auch nach Dingformationen, Landstrichen, Klimata, ein unsichtbares Netz von Korrespondenzen zwischen Gefühlen und Natur entwickelt worden ist. Darin ist eine ganz andere Einsicht in die "Natur unserer Gefühle" aufbewahrt, als die anthropozentrische Seelen- Psychologie sich träumen läßt. Wenn Meyer-Abich von der Kultur als menschlichem Beitrag zur Naturgeschichte spricht, so darf man hier wohl umgekehrt sagen, daß die Natur immer schon,kraft der Korrespondenzen, die ihr eignen, einen unschätzbaren Beitrag zur Kulturgeschichte, hier zur Differenzierung der Gefühle geleistet hat. Doch, wohlbemerkt: dies ist so, ohne daß die Natur ein Subjekt sein müßte, welches "beiträgt" oder "etwas leistet" -: es sei denn durch nichts als durch die stummen Korrespondenzen, die sie dem Menschen - nicht bietet, sondern sein kann. Dieses Sein-Können korresponsiver Natur wird kulturgeschichtlich freigelegt - doch nicht ohne Rückkoppelung und Voraussetzung eines fundamentum in re.
    Fragen wir danach, wie das möglich ist, so ist die Antwort einfach - man hat sie gleichsam nur vergessen. Der Mensch ist Lebewesen aus und in der Natur. Er hat sich nicht aus sich selbst. Der Mensch zeugt, nach
    Aristoteles, den Menschen - und so gewiß dies wahr ist, so auch, daß er dies nur kann, weil er darin sich als Lebewesen (als Natur) realisiert und Natur sich durch ihn vermittelt. Der Mensch verdankt sich nicht der Reflexion, die ihn zweifellos im Kreis der Natur einzigartig macht. Sondern die Reflexion ist die Sphäre, an welchem der Mensch sich gewahr wird als Wesen, das sich anderen und anderem verdankt - gerade auch in seinem Selbstsein. Was die Kraft der dialogischen Kommunikation in der sozialen Genese des Menschen bedeutet, das ist die Kraft der Korrespondenzen in seinem naturgeschichtlichen Werden. Dieses fundiert und begleitet die Soziogenese bis heute, so gewaltig auch die Verschiebungen sein mögen, die hinsichtlich der Relevanz-Hierachien zwischen natürlichen und sozialen (artifiziellen) Objekten zu beobachten sind.
    Die Möglichkeit der Naturästhetik hängt mithin an einer anthro- pologischen Struktur, die Robert Spaemann die "Indirektheit des Selbstverhältnisses" nennt. Ohne die Anerkennung der Subjektstellung der Anderen vermögen wir nicht unserer selbst gewahr zu werden. Dies ist für die kommunikative Genese des Subjekts ohne weiteres einsichtig. Hier jedoch kommt es darauf an zu verstehen, daß ohne die Anerkennung der anderen Andersheit der Natur und ihrer Dinge wir niemals über das Spiegelgefängnis des Narzißmus hinauskämen; wir müßten mithin am Erfordernis der Indirektheit unseres Selbstverhältnisses scheitern. Wie dies klassisch Ovid an seinem Narziß geschildert hat.
    Wenn wir unsere Trauer artikulieren und differenzieren lernen auch kraft der nicht-intendierten, mitspielenden Korrespondenzen der Natur, dann handelt es sich um mehr als bloße Projektion, die nur durch Introjektion zurückzunehmen wäre, um den Gefühlen ihren 'eigentliches Seinsort' anzuweisen, das Innerseelische nämlich. Wenn dies zuträfe, dann wären im Verhältnis zur Seele alle Gefühlskorrespondenzen der Natur unaufgeklärte, im magischen Animismus wurzelnde Metaphern -: uneigentliches Sprechen also. Zwar finden Gefühle, in ihrer außersprachlichen Inkommensurabilität, zur Sprache und damit zur Kommensurabilität - wenigstens in der Form der intersubjektiv -allgemeinen Symbole. Gefühle finden aber zur Sprache auch und gerade dadurch,daß die reichen, nuancierten Naturkorrespondenzen in der Sprache (der Literatur) zu individualisierenden, mithin doch wieder inkommensurablen Artikulationen werden. Dies ist ein ebenso sprachgeschichtliches wie anthropologisches Faktum.


    Metaphysiker


    _________________________________________________
    Friedrich wandelten bei dem preziösen Ton ihrer Stimme die Entzückungen eines Trinkenden an, der am Verdursten gewesen ist. Gleichzeitig brannte sein ganzes Wesen in Eifersucht.
    (Gerhart Hauptmann)

  • Myth and the Shapes of ExistenceDatum05.06.2005 11:21

    Liebe Temp, Dear Blue,

    Mit lebhaftem Interesse verfolge ich Eure Diskussion.
    The Heideggerian interpretation of phusis, arguably an influential one, is summarized by Schürmann as follows: “The Greeks used the term phusis to refer to all that is, insofar as it is.
    Today we translate this word as “nature,” from the Latin nasci, to be born. The Greek word comes from phuein: hatching or opening out, which is als o the root of the word phainesthai, to enlighten, to shed light on. In a rough distinction, Latin thinking attends to the generation of things, and Greek thinking attends to their appearance or emergence into light. Nature according to what the Greek word states is the whole of thatwhich shows itself to us, it is showing itself…The origin of all things, according to this vocabulary, lets itself be thought as the presence of that which is present: a presence which is prior to any human intention, and which makes it possible. The origin of all things is their appearing in presence.” (R. Schürmann,“Symbolic Difference,” Graduate Faculty Journal, vol. 19 no. 2 – vol. 20 no.1. p.23.)
    My definition of phusis retains the Greek sense of “all that is” with the following qualification: “all that is in the mode of,” whereas I interpret the “showing” as delimited by coming-to-be and passing away.
    This preserves both the nativity and fatality of all beings on the one hand, and the “prior to human intention” of the unfolding of being as beings on the other. In incorporating the birth and death of beings in
    the word phusis, I also retain the sense of nasci, which Schürmann, following Heidegger, sets apart as Latin.
    The atemporality of science, metaphysics, and theology clashes with human temporality and reveals time as ultimately unthinkable, paradoxical, monstrous, and aporetic. In one aspect of time (metaphysics), time is disclosed in the mode of stasis, erasure, or indifference. This makes knowledge of beings possible. In another aspect, time challenges and withdraws the stable foundation of knowledge. This is the aspect of time that defines phusis and our mortality. Here, episteme can never be secured on stable foundations, and only doxa is possible: hence, mortal doxa.
    Even the foundational accounts of static being by Parmenides and Plato, I argue throughout this discussion, are not as unambiguous as may at first seem. Take Plato’s Theaetetus, for instance, a dialogue devoted to securing an understanding of episteme (true knowledge as opposed to doxa). Eucleides and Terpsion are conversing, as the former is returning from a meeting with Theaetetus in the harbor.
    “Alive or dead?” asks Terpsion (142a). Theaetetus is on his deathbed (“Alive, barely”)


    regards to Blue

    bis demnächst, (meine Kleine)

    Metaphysiker


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    Friedrich wandelten bei dem preziösen Ton ihrer Stimme die Entzückungen eines Trinkenden an, der am Verdursten gewesen ist. Gleichzeitig brannte sein ganzes Wesen in Eifersucht.
    (Gerhart Hauptmann)

  • Sprache und NaturästhetikDatum05.06.2005 08:31
    Thema von Metaphysiker im Forum Literaturtheorie und ä...

    In einer anderen - sprachtheologischen - Tradition kann man mit Walter Benjamin sagen, daß ein "ununterbrochener Strom" von "Mitteilung durch die ganze Natur fließt". Es gibt eine Bewegung des stummen Ausdrucks der Dinge hin zu der Sprache des Menschen, welche jene Stummheit dolmetscht. Dies ist eine grandiose, metaphysische Hoffnung der Naturästhetik. Sie läßt Benjamin jedoch nicht die generelle "Traurigkeit der Natur" vergessen, die in ihrer "Sprachlosigkeit" begründet ist; ebenso wie umgekehrt die Trauer der natura lapsa - sagen wir: die Trauer der geschundenen Natur - diese erst stumm macht. Daß aber in der Natur ein Strom sprachlosenSprechens präsent ist, der auf ein Vernehmen hin angelegt ist, das ist nur eine andere Wendung für die fundamentale Tatsache, daß die Dinge sich selbst auf ein Wahrgenommenwerden hin präsentieren und daß nur einem stumpfen Sinn die Dinge als in sich stumpf geschlossene Entitäten erscheinen. Freilich nennt Benjamin mit der "Überbenennung"der Dinge durch Menschensprache ein Problem und eine Gefahr: daß nämlich gerade die sprachliche Übersetzung der stummen Dinge zum "tiefsten Grund aller Traurigkeit und (vom Ding aus betrachtet) allen Verstummens" werden kann. (Walter Benjamnin: Über Sprache überhaupt und die Sprache des Menschen. In.: ders.: Ges. Schriften, h.g. v. R.Tiedemann, Frankfurt/M. 1977, Bd.II/1, S.157.) Es kennzeichnet die metaphysische Sprachauffassung Benjamins,daß er dieses Sich-Mitteilen der Natur nicht 'durch', sondern 'in' Sprache geschehen läßt. "Der Mensch ist der Erkennende in derselben Sprache, in der Gott Schöpfer ist." (ebd. S.149) Das begründet die paradigmatische Achse Gott - Natur - Mensch mit der Möglichkeit der (adamitischen) Namensprache sowie die syntagmatische Achse, die durch den Sündenfall und die babylonische Sprachzersplitterung bestimmt wird: mit der Folge der Trennung von Wort(zeichen) und Bedeutung: die 'Verurteilung' zur Arbitrarität der Sprache, die in der Poesie wieder aufgehoben werden kann: das nicht-konventionelle Zeichen der poetischen Sprache bedeutet demnach die Rückkehr ins Sprach- Paradies.

    Die Sprache, in der das Mitteilen der Dinge aufgehoben sein könnte, wäre die der Kunst - diese zu dolmetschen wäre die Aufgabe der Literaturwissenschaft. Das stellt die Theoriesprache, in der eine Ästhetik der Natur entwickelt werden soll, vor das Problem der Angemessenheit der Sprache an die Phänomene, von denen sie spricht.


    Metaphysiker

  • Adornos ProgrammatikDatum26.05.2005 10:14
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik


    Dear Blue


    You write:
    (1) Can arts-related language (commentary, criticism, historiography, and the like) be true or false? (2) Are the arts themselves languages, such that, depending on one’s theory of language, the arts lack or possess truth capacities in the way that languages do?


    The conviction that the similarities between Heidegger and Adorno are far more important and overwhelming
    than their actual differences is at first sight convincing once one lifts the polemical veil of Adorno’s attempts to forcefully distinguish himself from Heidegger. Adorno and Heidegger’s critique of purposive (technical) rationality and modern epistemology, their attempts to base aesthetics on a notion of truth rather than beauty and their shared emphasis on temporality, to name just a few, indeed show remarkable similarities.


    regards

    Metaphysiker


  • Dear NID & TemporarySilent


    NID writes:
    In the case of TemporarySilent´s Forum, I argue that the beliefs that we come to the table with concerning a priori knowledge and its objects are too secure to be overcome by skepticism of any sort. This is not to say, however, that these beliefs are capable of receiving a argumentative defense – as philosophers who are also ordinary believers we may need to settle for knowledge that is secure, but without argumentative ground.


    Wenn Dichter den Menschen, die sich, aus welchen Gründen auch immer, irgendetwas nicht gefallenlassen, mit ihrer künstlerischen Sensibilität nachspüren; wenn sie in der Sphäre der Phantasie den "Kämpfern" eine ganz persönliche und darin zutiefst moralische Berechtigung für ihr Tun zubilligen, dann bezwecken sie damit einzig, die Betätigung der ihnen zugestandenen Subjektivität und Moralität ganz jenseits der Welt zum wahren Mittelpunkt der Welt zu erklären. Und weil solche Parteinahmen der Selbstbestätigung des Poeten dienen, unterliegen sie den Konjunkturen des Zeitgeists: Sie erfolgen in Abhängigkeit davon, ob sich mit einer solchen Selbstdarstellung in der Öffentlichkeit ein Echo für die künstlerische Selbstbestätigung erzeugen läßt.


    regards

    Metaphysiker


  • Umgestaltung der Rubriken im ForumDatum26.05.2005 08:35

    Liebe Temp,

    Der Begriff der ästhetischen Erfahrung wurde in den 70er Jahren des 20.
    Jahrhunderts prominent durch den Romanisten Hans Robert Jauß in die Diskussion geworfen. Jauß hatte die ästhetische Erfahrung ebenfalls als umfassenden Begriff für alle Dimensionen des Herstellens und des Umgangs mit Kunst verwendet, und unter den der antiken Poetik entlehnten Stichworten "Poiesis", "Aisthesis" und "Katharsis" die "produktive,rezeptive und die kommunikative Tätigkeit" einschlägig benannt, wenn auch noch auf den engen Bereich von Kunst und Literatur begrenzt. Das Ästhetische selbst wird als komplexes Phänomen gedacht, in das Dimensionen der Kreativität ebenso eingehen wie solche der Aufmerksamkeit, in der die Wirkungen von Kunst ebenso Eingang finden wie ihre soziale Funktion. Der Begriff der ästhetischen Erfahrung
    sollte so offensichtlich die Ausdifferenzierung kunst- und literaturtheoretischer Arbeit in werk-, rezeptions- und wirkungsästhetische Ansätze rückgängig machen.
    Seitdem kommt die ästhetische Erfahrung nicht zur Ruhe, und wird in immer neuen Ansätzen und Anläufen als Zentralbegriff einer zeit-genössischen Ästhetik markiert.

    Genug der Vorrede, liebe Temp :

    Du schreibst fast zaudernd, " sodass sich z.B. Rubriken über Literaturtheorie und Ästhetik anbieten würden."

    Vertraue Deiner Intuition, liebe Temp - sie irrt an dieser Stelle nicht. Aisthesis ist zu bedeutend, um sie lediglich marginal zu diskutieren. So begrüße ich Dein jugendliches und fast ungestüm zu nennendes Vorpreschen. Auf zu neuen Ufern ! Voller Neugier und Hoffnung sehe ich diesem Wandel in Deinem Forum entgegen. So wisse mich denn an Deiner Seite als tatkräftigen Mitstreiter für den Thread "Ästhetik".
    Keine Frage, daß der Begriff der sinnlichen Wahrnehmung für jede ästhetische Begegnung konstitutiv ist. Aber auch dort, wo dieser Begriff weit gespannt und an den des Spürens angenähert wird, auch dort, wo von einer "aktiven Wahrnehmung" gesprochen wird, ist dieser Begriff letztlich von der Dimension der Rezeption geprägt, die die Eigenart des Ästhetischen nur unzureichend zu erfassen vermag. Wahrgenommen wird vieles und ohne Wahrnehmung können wir uns in der Welt nicht orientieren. Die Wahrnehmung des Ästhetischen oder Wahrnehmung eines Dinges, einer Bewegung, einer Konstellation oder auch einer Atmosphäre als ästhetisch bedarf allerdings schon einer weiteren Dimension, die über das, was die Sinne imstande sind zu sehen, zu hören oder zu spüren immer schon hinaus sein muß, ohne daß es schon zu einer komplexen Erfahrung oder zu einem nachhaltigen Erlebnis wird. Denn die Frage, warum angesichts einer Vielzahl von Gesichtern ein Antlitz, liebe Temp, als ästhetisch interessant wahrgenommen wird, während der Blick über die anderen hinweggleitet, muß damit zu tun haben, daß schon auf einer unmittelbaren Ebene das Wahrgenommene etwas in uns auslöst, was die Wahrnehmung überschreitet.
    Als Überschrift schlage ich den Titel "ästhetische Empfindung" vor. Das, was sich angesichts des Ästhetischen in und an einem Menschen ereignet, und zwar sowohl bei alltäglichen Begegnungen als auch in der Konfrontation mit Kunst aller Art, scheint erst einmal eine Palette von Empfindungen hervorzurufen, die als Basis für eine weitere, wenn auch nicht unbedingt notwendige emotionale Intensivierung und reflexive Überbietung fungieren muß.
    Es geht also im folgenden um jene Empfindungen, mit denen wir sowohl die Ästhetik des Alltags - Design, Mode, Architektur, Medien und Menschen - als auch die alltägliche Ästhetik der mehr oder weniger elaborierten Inszenierungen der Kunst und Kultur begleiten. (Eine Vernissage, bei der das Auge unruhig zwischen den ausgestellten Objekten und den gestylten Gästen hin- und her wandert und wo man hinter dem geheuchelten Interesse an der reizlosen Kunst das Interesse an der attraktiven Gesprächspartnerin verbirgt, vermag vielleicht einen Eindruck jener durchaus zwielichtigen Empfindungswelten geben, die nun entfaltet werden sollen.)

    bis demnächst, (meine Kleine)

    Dein

    Metaphysiker


  • Hi Blue, NID and Temp


    Dearest Temp, you write:
    "How can we ensure Rorty´s metaphor of the "Mirror" will not be disguized by Davidson?"


    Davidson says "Since we cannot hope to interpret linguistic activity without knowing what a speaker believes and cannot found a theory of what he means on a prior discovery of his beliefs and intentions, I conclude that in interpreting utterances from scratch - in radical interpretation - we must somehow deliver simultaneously a theory of belief and a theory of meaning." (Inquiries;p.144)

    Truth fills in the last part of this triad by essentially explaining what the meaning of an utterance is, and for Davidson the meaning of an utterance is simply the conditions in the world which would make the utterance true. Thus Davidson uses truth to get at meaning.


    bis demnächst,

    Metaphysiker


  • Adornos ProgrammatikDatum09.05.2005 06:31
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik


    Liebe Temp,

    In der Antike war Mimesis zunächst eine ästhetisch-technische Kategorie, die den Unterschied zwischen erzählend/berichtenden Formen und der unmittelbaren Darstellung, sei es auf der Bühne, sei es durch Originalstimmen oder Rollen, kennzeichnete. Mimesis also muß ausgeweitet werden auf den Begriff der Darstellung; und es erscheint wichtiger, daß der Sprechende in eine fremde Rolle schlüpft, sich also maskiert, als daß er etwas nachvollzieht, das außerhalb seiner Darstellung bereits gegeben wäre. Die zweite wichtige Dimension ist, daß die Mimesis, bevor sie zu einem Theaterbegriff wurde, ursprünglich der Musiktheorie entstammt. Platons Kritik an der Mimesis geht zurück auf den Musiktheoretiker Damon, einen konservativen Puristen der Antike, der den sinnlichen Aulos, eine bestimmte Flötenart, zugunsten der Kithara ebenso verwarf wie bestimmte "verweichlichende" Tonarten; Grundlage solcher ethisch-ästhetischer Entscheidungen war seine Uberzeugung, Musik sei nicht nur Ausdruck bestimmter seelischer Grundhaltungen, sondern wirke auf diese auch unmittelbar zurück. So kann man zeigen, daß Damon mit dieser Wirkungstheorie auf eine wiederum ältere Mimesistheorie, wahrscheinlich der Pythagoräer zurückgegriffen hat. Der Tanz als die älteste und umfassendste Kunstform, die Musik, Gebärde und Wort ebenso verband wie den Logos auf der einen und orgiastische Elemente auf der anderen Seite, muß als unmittelbarer Ausdruck der menschlichen Natur angesehen worden sein; die therapeutische Wirkung des Tanzes, seine Rückwirkung auf die Psyche, wurde früh erkannt. Gleichzeitig aber eben auch die Gefahr, die von der dionysischen Seite der Mimesis ausgeht. Wenn Damon und Platon die Mimesis ablehnen, so im Interesse einer Vernunft, die von ihrem Anderen, dem Dionysischen, sich zunehmend abspaltet, um ihrer eigenen, abgekühlten Wege zu gehen. Ein dritter Aspekt: Die Mimesis als Nachahmung allein auf die erscheinende Natur (die natura naturata) zu beziehen, erscheint der Gesamtkonzeption Platons unangemessen; die Ideenlehre und das Bild des die Welt erschaffenden Demiurgen vielmehr legen es nahe, statt dessen die natura naturans in den Mittelpunkt zu stellen. Der Künstler imitiert nicht die Natur, wie sie ist, sondern er imitiert ihr Produktionsprinzip; Kunst (und übrigens die Technik) setzen fort, was der Demiurg, der Erzeuger der Welt, als eine unvollständige Natur hervorgebracht hat; und es ist das schöpferische Prinzip hinter den Erscheinungen der Natur, das der Mensch ,nachahmt'. Auf diese Weise kann er auch grundsätzlich Neues hervorbringen. Diese sehr ambitionierte Konzeption macht es möglich, selbst die abstrakte Kunst mit dem Begriff der Mimesis zusammenzudenken. Sie überbrückt die Kluft, die zwischen den Verfahren der "autonomen Kunst" und der Mimesis zu bestehen schien, und zeigt, daß auch hier die "Nachahmung", und damit ein rezeptives Moment, eine Rolle spielt.

    bis demnächst, (meine Kleine)

    Metaphysiker


    PS: Ich höre gerade deine Stimme, liebe Temp, auf dem Audioblog... sehr eindringlich und überaus gefühlvoll - deine Griechischkenntnisse vertiefen sich.

  • Neue Prime - Discussion?Datum05.05.2005 14:31
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Neue Prime - Discussion?

    Hallo Rolf, liebe Temp

    Sollten englischsprachige Beiträge in der Adorno - Debatte der Übersetzung bedürfen,
    werde ich im Dialektik - Thread intervenieren.
    Bislang liessen sich diese Probleme interaktiv zu lösen.


    Hi Blue,

    welcome back home again


    bis demnächst,

    Metaphysiker


  • Adornos ProgrammatikDatum27.04.2005 10:26
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik

    Liebe Temp,


    Das hast du vollkommen richtig erkannt - es geht um deine "zweite Reflexion" .
    Im Zuge einer unreflektierten Emanzipation jedoch schlägt die erlangte Herrschaft über die Objekte auf das Subjekt zurück. Erkenntnistheoretisch kann hinzugefügt werden, dass Subjekt zugleich Objekt ist, da dieses auch ein zu Erkennendes ist, und daher das Verhältnis zwischen Subjekt und Objekt nicht dualistisch, sondern als ein dialektisch in sich und durcheinander Vermitteltes zu verstehen ist (GS 10 II, S.741 ff; GS 6, S. 172ff). Eine bloss instrumentell agierende Vernunft verkennt, dass sie in eine neue Abhängigkeit an Naturzwang, dem Tauschprinzip als nützlich sein für anderes, hinein gerät, bei dem untergeordnet und zugerüstet wird (GS
    3, S.29). Ebenfalls lässt sie die Verdinglichung des Bewusstseins ausser Betracht: Dieses erkennt sich selbst und die soziale Wirklichkeit, von dessen Objektivationen es geprägt wird, vermittelt über die angewendeten begrifflichen Identifikationen. Da diese vom historischen und gesellschaftlichen Prozess herausgerissen und als erstarrte Momente die Wahrnehmung leiten, bedeutet dies immer schon eine Einschränkung der Erfahrung und der Einsicht in die Genese des Wahrgenommenen.


    bis demnächst, (meine Kleine)


    Metaphysiker

  • Adornos ProgrammatikDatum27.04.2005 10:01
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik

    Liebe Temp

    Die von dir unter eine begriffliche Abstraktion gebrachte innere und äussere Natur wird nun kontrollierbar und erklärbar und ermöglicht Selbsterhaltung. Eine unreflektierte Naturbeherrschung verkehrt die
    Aufklärung jedoch in einen Verblendungszusammenhang: Ein Denken, das durch abstrakte Zuordnung Seiendes zu Äquivalenten macht, also zu Tauschbarem und Anwendbarem, erhebt eine instrumentell auf Verwertung und Nützlichkeit ausgerichtete Vernunft blindlings zum Herrschaftsprinzip. Die Menschen selbst treten unter diesen
    Umständen nur noch als Objekte von Tauschbeziehungen in Erscheinung, d.h. auch ihre Beziehungen zueinander gerinnen zu bloss verdinglichten. Die Grundlage für die Kraft der Vernunft entspringt also im begrifflichen Denken. In der „Negativen Dialektik“ wird die Einheit des Subjekt als ein „systemstiftendes Ich-Prinzip“ mit seinen „zurüstenden und abschneidenden“ (GS 6, S.36 und S.21) Werkzeugen, den Begriffen, charakterisiert. Begriffe identifizieren, verallgemeinern und subsumieren: Dabei wird weggeschnitten, was sich ihm nicht fügt. Der begrifflich objektivierende und systembildende Geist ist daher schon seit seinem Erwachen (d.h., seit sich das Subjekt Distanz zur Natur verschafft hat und dadurch die Möglichkeit eröffnet wurde, sich ihr gegenüber zu verhalten) zur instrumentellen Vernunft verdammt als einer den Objekten von aussen sich aufdrängender und vereinnahmender. Jedoch soll damit eben nicht gesagt werden, dass Vernunft per se mit Herrschaft gleichgesetzt wird, und Adorno sich dadurch seines eigenen Fundamentes berauben würde. Denn diese beiden Momente einer beherrschenden und einer versöhnenden Vernunft gehören dialektisch der Vernunft an, so „dass Vernunft auf sich Vernunft anwenden“ muss.


    bis demnächst, (meine Kleine)

    Metaphysiker

  • Adornos ProgrammatikDatum27.04.2005 09:42
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik

    Liebe Temp,

    Adorno war sich bewusst, dass Erfahrungen nichts unmittelbares darstellen: Deren Reflexion
    ist deshalb nicht zu vernachlässigen, da der Begriff der Erfahrung immer schon einen historisch und gesellschaftlich geprägten Erfahrenden, sowie ein ebenfalls gewordenes Erfahrendes impliziert, die wiederum nur begriffl ich vermittelt in bestimmten Verhältnissen zu sehen sind. Nationalsozialismus, Stalinismus und Kulturindustrie charakterisieren eine Zeit, die sich als fortschrittlich und aufgeklärt begreift und beansprucht, es zu sein. An Versöhnung und Synthesis ist nicht zu denken. Vielmehr zeigt sich eine Unterdrückung
    und Nivellierung des Individuums im Zuge der Gesellschaftsentwicklung.
    An ein positives Potential der kapitalistischen Gesellschaft durfte nicht mehr geglaubt werden, und die Hoffnung, dass eine Emanzipation in Folge der Produktivkraftentwicklung und deren Einsetzung für eine befreite Menschheit sich ereignen würde, erwies sich als Trugschluss. Nun musste es darum gehen, Marx` Prognose des Übergangs in eine emanzipierte Gesellschaft zu überdenken, in dem Sinne, dass seine Kritik an der bürgerlichen Gesellschaft erweitert wurde, um eine Theorie aufzustellen, die adäquat die stattfindende soziale Integration neu zu erklären und dessen „Kitt“ aufzuzeigen vermochte. Die Analyse setzt dafür beim Subjekt selbst und damit bei der Vernunft an. Im Folgenden wird vorerst von Adornos Grundgedanken eines „Rationale[n] Revisionsprozess[es] der Vernunft“(PT I, S.87) ausgegangen: Vernunftkritik muss von der Vernunft selbst geübt werden. Dabei ist die Frage nach dem sich ergebendem Spannungsverhältnis zwischen der Notwendigkeit begrifflich-identifizierender Setzung, um von etwas Bestimmtem reden zu können, und der als eine offene zu verstehende negative Dialektik zu erörtern.

    bis demnächst (meine Kleine)

    Metaphysiker

  • Adornos ProgrammatikDatum27.04.2005 09:04
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik

  • Griechisch-AGDatum24.04.2005 05:12
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Griechisch-AG

    Metaphysiker

  • Neue Prime - Discussion?Datum23.04.2005 21:27
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Neue Prime - Discussion?

    Liebe TemporarySilent,

    Die Belastung, die Du auf Dich geladen hast, fällt nun fort. So bleibt Zeit, die Diskussionen in den Rubriken voranzubringen. Warum ich Dir in dieser Form schreibe, anstatt es bei unzähligen mails bewenden zu lassen, ist, weil ich mich intensivst für Deine geleistete Arbeit auf dem Gebiet der Übersetzung bedanken will. Der von NID angesprochenen Unübersetzbarkeit europäischer und amerikanischer Philosophien hast Du in Form von einmaliger Pionierarbeit im Internet widersprochen . Dir ist es gelungen, nicht nur eine Sprache in eine andere zu transferieren, sondern dem Willen und der Sensitivität des Verfassers Ausdruck zu verleihen. Diese wahrlich aussergewöhnliche Testphase, in stundenlanger Übersetzungsarbeit, vermittelt mir einen völlig neuen Bezug zur amerikanischen Philosophie und zur interkontinentalen Interaktion. Wir sind uns nähergekommen und die philosophischen Bindungen "overseas" vertiefen sich. Ein herzliches "Danke" an Temp & NID für die geleistete Arbeit! .
    Dieses Engagement ist außergewöhnlich!!!


    Metaphysiker

  • Adornos ProgrammatikDatum19.04.2005 19:54
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik


    Liebe Temp, Dear Blue & NID,

    kraftvolle Musik, Blue und ein sanft gesprochener Text, gepaart mit einer sensitiven Form von Melancholie. Schön, dass ihr zwei diese internationale Co-Produktion einem alten, desillusionierten Metaphysiker widmet.
    Dear Blue & Temp - I have to say "thank you" - beautiful blogging. Please go on.
    Der Fall in diese Dualität bedingt, dass wir nicht zurückkehren können; es gibt kein Zurück nach Eden, nur diese endlose Sehnsucht. Manchmal umweht uns der Hauch einer Ahnung, liebe Temp . Blue, you are right - the warrior keeps fighting .
    Die Überwindung der Gegensatzpaare bleibt unüberbrückbar?
    Blue´s "falling", das am Ende in ein "raining" transformiert wird, symbolisiert diese Auswegslosigkeit, das Gefangensein und diesen tiefen Schmerz. Dann höre ich zum wiederholten Mal deine Stimme, liebe Temp, die feinfühlig die Worte spricht:

    "Lieber Metaphysiker, man kann nicht vernünftig gegen die Geschichte ankämpfen, gegen das, was war, mit einer Vorstellung von dem, was nicht war - das wäre eine vergebliche und hoffnungslose Tat. Die Geschichte schloss immer jemanden aus. In den meisten Definitionen erscheint sie als eine Liste von Siegen einer Macht oder einer Gruppe über eine andere, was nicht heißt, dass man "Ungerechtigkeit" akzeptieren sollte, sondern nur, dass man sich sein Leben nicht außerhalb der historischen Erinnerung vorstellen kann. Zumindest ich kann das nicht..."

    Wenn ich dir zuhöre, fühle ich diesen Schmerz langsam verschwinden . Du vermittelst uns eindringlich die Version von Zeit und Geschichte, die das Christentum in das westliche Bewußtsein gebracht hat. Liebe Temp,
    deine Art, die Zeit zu begreifen, hat bis in die Renaissance einen großen Einfluß auf die Literatur und Theologie gehabt. Sie hat Musik, Kunst und Literatur geformt und ist in die Geschichte "hineingewoben" worden. Sie ist auch in mich hineingewoben....


    bye bye Blue & NID,
    bis demnächst, (meine Kleine)

    Metaphysiker

  • Adornos ProgrammatikDatum16.04.2005 10:38
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik

    Liebe Temp,

    vielmehr erscheinen deine Worte wie ein freier Entschluß. Läßt an dieser Stelle Heideggers "Entschlossenheit" grüßen, indem du über die bürgerlichen Abwägungen von Zweck und Mittel hinausweist?

    Grundsätzlich stimmen wir beide überein : Horkheimer und Adorno hatten diese Opferideologie schon mit der Aufdeckung des direkten Zusammenhangs von Opfer und Tausch ausgehebelt. Doch sie gehen noch weiter:
    Als "Negativbild" der faschistischen Ideologie bemühen sie sich zu zeigen, wie in diesem Übergang vom Opfer zum Tausch die wesentlichen Strukturen der von dir verfochtenden abendländischen Rationalität zugrunde gelegt werden. Offensichtlich ist, daß die rationale Abwägung von Mittel und Zweck, die unsere Vernunft auszeichnet, bereits im Opfer enthalten ist. Bei aller Irrationalität des Opfers im ganzen, steckt insgeheim schon die listige Abwägung dahinter, für das Opfer mehr zu erhalten, als man geopfert hatte. Abraham macht eine gute Investition für die Zukunft, als er sich bereiterklärt, seinen Sohn Isaak zu opfern. Doch diese Rationalität von Mittel und Zweck, die die ritualisierte Opferhandlung bereits in nuce enthält, ist nicht die einzige grundlegende Struktur unserer Vernunft, die im Übergang vom Opfer zum Tausch entspringt. Horkheimer und Adorno behaupten vielmehr, daß noch ein anderer Dualismus als der von Zweck und Mittel in dieser ursprünglichen Form des Tausches schon angelegt ist, nämlich das Verhältnis von Subjekt und Objekt.

    bis demnächst, (meine Kleine)

    Metaphysiker

  • Adornos ProgrammatikDatum16.04.2005 09:41
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik

    Liebe Temp,

    Mit großer Eindringlichkeit wirken deine Worte während du schreibst:

    "Je mehr eine hypothetische reale Notwendigkeit des Menschenopfers überflüssig wird, desto stärker setzt auch die Aufklärung in ihrer ganzen Dialektik ein. Aufklärung könnte bei Adorno als Überwindung des Opfers charakterisiert werden; wobei das Opfer selbst schon, und das verweist wieder auf die merkwürdige Dialektik von Opfer und Tausch, die Überwindung des Opfers darstellt."

    Darin offenbart sich doch gerade, liebe Temp , auch die Irrationalität des Opfers, die den Prozeß der Aufklärung voranbringt. Ein für Adorno und Horkheimer wesentlicher Schritt ist dabei der zur Substitution der Opfergabe. Dieser Schritt wird festgehalten in den klassischen Opfermythen, etwa des Opfers Abrahams, der seinen Sohn Isaak, oder dasjenige Agamemmnons, der seine Tochter Iphigenie den höheren Mächten zu übergeben bereit ist. Das Menschenopfer wird hier, auf Geheiß der Götter, durch ein Tieropfer ersetzt. Damit aber wird das Opfer gerade zu dem, was es der faschistischen Ideologie nach überhaupt nicht sein darf, ein Tauschgeschäft mit den höheren Mächten. Das Opfer wird hier strukturell zu einem Geschäft. Auch wenn Abraham Isaak sozusagen reinen Herzens, ohne Hintergedanken zu opfern bereit ist, das Endergebnis weist das Opfer als gelungenes Geschäft aus. Isaak wird durch einen Widder ersetzt, und Gott verspricht Abraham allein für seine Bereitschaft zum Opfer:
    „Weil du das getan hast und deinen einzigen Sohn mir nicht vorenthalten hast, will ich dir Segen
    schenken in Fülle und deine Nachkommen zahlreich machen wie die Sterne am Himmel und den Sand am Meeresstrand.“ (Gen 22.26–27.)

    Es ist eine List, mit der die Götter übertölpelt werden sollen, die bei diesem Tausch die eigentlichen Verlierer sind. Iphigenie etwa wird für günstige Winde eingetauscht, damit die griechische Flotte nach Troja segeln kann. Zum Tausch wird das Opfer dadurch, daß es rational, sozusagen technisch eingesetzt wird. Geopfert wird mit der Intention, für die Opfergabe etwas zurückzuerhalten, das für den Opfernden einen höheren Wert besitzt als die Opfergabe selbst.

    bis demnächst, (meine Kleine)

    Metaphysiker

  • Adornos ProgrammatikDatum16.04.2005 08:51
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik


    Liebe Temp,

    Welch ein Sprachvermögen - du schreibst engagiert

    "In diesem Kontext müssen Adornos und Horkheimers Bemühungen gesehen werden, wenn sie versuchen, die irrationalistisch-faschistische Ideologie des Opfers zu unterminieren, die dessen blutige Archaik der verabscheuten bürgerlichen Zirkulation entgegensetzte."


    Es sind zwei Dinge, die das Opfer "auszeichnen": Zum einen, darauf wies Klages bereits in deiner zitierten
    Passage hin, die scheinbar unmittelbare Kommunikation mit dem Absoluten; ob dieses Absolute nun wie
    bei Klages als „das tragende und nährende Leben der Welt“ halluziniert wird oder eher als die Opfer,
    die der im Führer inkarnierten Nation im Arbeits-,Wehr- undWissensdienst gebracht werden müssen, ist
    prinzipiell nebensächlich. Die mehr oder minder banale Tätigkeit, das Arbeiten in der Fabrik, das Büffeln
    am Schreibtisch oder das Krepieren im Schützengraben erhalten dadurch, daß sie als Opfer deklariert werden, sofort die höheren Weihen einer Kommunikation mit dem Absoluten; wobei Kommunikation eigentlich schon zu distanziert ist: Es wird eine unmittelbare Einheit mit dem Absoluten imaginiert, die die Form bedingungsloser Unterwerfung annimmt.
    Gleichzeitig, und das macht die zweite Ebene des Opfers aus, wird das, was geopfert wird, geheiligt. Indem das Geopferte Teil des Absoluten wird, bekommt es einen Wert, der seinen eigentlichen Wert bei weitem übersteigt. Und gerade deshalb kann und darf das Geopferte nicht irgend etwas Beliebiges, sondern muß eben opferwürdig sein. Die Perfidie der Opferideologie liegt ja gerade darin, daß das Opfer umso wirksamer ist, je schwerer es fällt, sich von dem zu trennen, was geopfert wird. Somit ist das eigentliche Opfer das des eigenen Lebens, womit natürlich der Soldatentod als Opfer für die Nation zur ultima ratio des Opfers stilisiert werden kann.


    bis demnächst, (meine Kleine)

    Metaphysiker

  • Adornos ProgrammatikDatum16.04.2005 08:25
    Foren-Beitrag von Metaphysiker im Thema Adornos Programmatik

    Liebe Temp & Dear Blue,

    Der Tausch ist, der Dialektik der Aufklärung zufolge, die rationalisierte Form des Opfers. Indem die archaischen Opferrituale der Aufklärung unterworfen werden, schlagen sie um in Tauschhandlungen, in denen, um die klassisch dialektische Formel zu gebrauchen, das Opfer aufgehoben ist. Und zwar aufgehoben in dem bekanntermaßen vertrackten Sinn, daß es sowohl überwunden als auch aufbewahrt ist.
    Aus naheliegenden Gründen haben Adorno und Horkheimer den Zusammenhang von Tausch und Opfer in der Dialektik der Aufklärung entfaltet. Der äußere historische Anlaß ist leicht zu konstatieren. Man muß sich nur vergegenwärtigen, daß die philosophischen Fragmente der Dialektik der Aufklärung zuerst und vor allem die Absicht verfolgten, die Katastrophe des Nationalsozialismus in Worte zu fassen. Indem Horkheimer und Adorno den engen Zusammenhang zwischen dem Opfer und dem Tausch herausheben, betreiben sie Kritik an der Nationalsozialistischen Ideologie, in der der Opferkult eine wesentliche Rolle spielt.
    Liebe Temp , um die Wichtigkeit dieses Unterfangens zu begreifen, muß man sich klarmachen, welche Funktion die faschistische Ideologie hatte: Die kruden Archaismen der faschistischen Ideologie dienten im wesentlichen dazu, die diffusen Ängste, die durch die kapitalistische Modernisierung ausgelöst wurden, zu kanalisieren und gerade im Sinne dieser Modernisierung zu nützen. Die antikapitalistische Rhetorik der Faschisten verdammte zwar den losgelassenen laissez-faire-Kapitalismus, die ungegängelte Zirkulation, vollstreckte aber gerade damit die bereits von Marx aufgezeigte Gesetzmäßigkeit dieser freien Zirkulation, die von vornherein auf Konzentration und staatliche Regulierung hinzielte.

    bye bye Blue,
    bis demnächst, (meine Kleine)

    Metaphysiker


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