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 Philosophische Lektüre 4
TemporarySilent Offline




Beiträge: 231

03.01.2005 13:25
Kleines nautologisches Ontologikum - Teil 5 antworten

TemporarySilent:
Eine Metapher ist nach Aristoteles Poetik die Übertragung eines fremden „Nomens“.Dieses
Übertragen heißt, dass „Bedeutungen dadurch freigesetzt werden und die vermeintliche
Eindeutigkeit von sprachlichen Regeln und die Ordnung der Semantik verletzt werden, indem
das eine für das andere eintritt“ (Konersmann 1999)Nach Blumenberg entstammen die Bilder
und Metaphern, die Symbole und Geschichten derer wir uns bedienen – anders als die Prozesse
des theoretischen Zugangs – der direkten lebensweltlichen Erfahrung. Sie bilden Daseinsbewältigungs-
strategien, mit denen wir uns in einer übermächtigen Welt orientieren und uns über uns selbst verständigen.
Blumenberg geht es in seiner Metaphorologie (Final Chapter) um diese absoluten Metaphern, die
Seinsgrundfragen stellen und Bilder für das menschliche Leben entwerfen. Diesen Absolutismus der Metapher
entwickelt Blumenberg in der Studie „Paradigmen zu einer Metaphorologie“ (Blumenberg 1960) und führt sie
in unserem Schlusskapitel „ zu einer „Theorie der Unbegrifflichkeit“ (Blumenberg 1979) aus.
Blumenberg untersucht dabei nicht, was sich hintern den Metaphern verbirgt, sondern welche Funktion
sie im Prozess der Verständigung des Menschen über sich selbst und die Welt haben. Was sonst
mühsamer Beschreibung bedarf, wird in der Metapher mit einem Blick einsichtig und durch einfache
Formulierungen fassbar. Ein Beispiel für eine absolute Metapher ist die „Nacktheit“ der Wahrheit oder die
Lichtmetaphorik im Zusammenhang mit Wissen/Reflexion („uns geht ein Licht auf“).Für Blumenberg ist dies
ein „Paradefall der Hermeneutik in umgekehrter Richtung: nicht die Ausdeutung bereichert den Text über das
hinaus, was der Autor in ihn hineingewusst hat, sondern der Fremdbezug fließt unabsehbar in die Produktivität
zu Texten ein. Die in der rigorosen Selbstverschärfung der theoret. Sprache verächtlich gewordene Ungenauigkeit
der Metapher entspricht auf andere Weise der oft so eindrucksvollen höchsten Abstraktionsstufe von Begriffen wie
„Sein“, “Geschichte“, “Welt“, die uns zu imponieren nicht nachgelassen haben. Die Metapher jedoch konserviert
den Reichtum ihrer Herkunft, den die Abstraktion jedoch verleugnen muß“ (Blumenberg, S. 90).
In seiner Theorie der „Unbegrifflichkeit“ differenziert Blumenberg zwischen drei Arten von Metaphern :

+ Metaphern als Ornament
+ Metaphern als ungenaue Vorbegriffe und Formen unklaren Denkens
+ Absolute Metaphern

1. Metaphern als Ornament
Traditionell wird die Frage nach der Bedeutung der Metapher in der klassischen Rhetorik
behandelt, wo als Schmuck und Ornament der Rede zur Steigerung der Wirkung und zur
Stärkung der Überzeugungskraft von Argumenten dient. Diese Art von Metaphern scheint nichts
zum Ausdruck zu bringen, was man auch nicht theoretisch/begrifflich darstellen könne.

2. Metaphern als ungenaue Vorbegriffe und Formen unklaren Denkens
Die traditionelle Philosophie hegt gegen den Gebrauch dieser Art von Metaphern ein
starkes Misstrauen: Sie bringen nur ungenau zum Ausdruck, was sich mit genauer
begrifflicher Sprache besser sagen lässt. Sie gelten als Vorstufen klaren Denkens.
Ähnlich dem Übergang vom Mythos zum Logos wird ein Übergang von der Metapher zum Begriff
angestrebt, wobei die mehrdeutigen vorbegrifflichen Metaphern durch eindeutige Begriffe
ersetzt werden sollen. Blumeberg stimmt dem zu, indem auch er fordert, man „dürfe nicht
auf Metaphern ausweichen, wo Formeln möglich sind“ (Blumenberg ,S. 89), gleichzeitig setzt
Blumenberg dieser Abwertung der Metapher eine Wertschätzung als eine irreduzible
Denkform entgegen.

3. Absolute Metaphern
Absolute Metaphern dienen der Beantwortung höchster und unabweislicher Fragen:
Absolute Metaphern sind nicht eliminierbar, da wir sie als im Daseinsgrund gestellt vorfinden.
Blumenberg schreibt:
„Was ich „Implikation“ als das Schema des methodologischen Zusammenhangs von Daseinsanalytik
und Ontologie genannt habe, ist zugleich ein Verbot von Metaphorik, auch der absoluten Metapher.
Metaphorisch kann sich nichts darstellen, wenn alle elementaren Verhaltensweisen zur Welt ihre
ursprüngliche Ganzheit in der Sorge haben, deren ontologischer Sinn in der Zeitlichkeit liegt, und
wahrscheinlich diese wiederum der entfaltete Horizont einer letzten Radikalität ist, deren Benennung
beliebig austauschbar sein darf.“ (Blumenberg, S.104)

Nauplios:
Warum überhaupt Metaphorologie? – Es gibt in der Philosophie ja eine Traditionslinie, der es um die Reinigung
der philosophischen Sprache geht; man denkt da zunächst mal an die (sprach)analytische Philosophie, welche
die großen philosophischen Themen für „Scheinprobleme“ hält – bedingt durch eine Sprache, die sich über die
Klarheit ihrer Begriffe keine Rechenschaft abgelegt hat. Aber schon lange vor dieser Sprachkritik stehen Metaphern
im Verdacht, die Sprache zu verunreinigen und zu verdunkeln. Descartes zum Beispiel mahnt ja in seinem Discours
de la Méthode eine rein begriffliche Sprache an, in der nur zulässig ist, was sich zu begrifflicher Klarheit und Bestimmtheit
bringen läßt. Unzulässig dagegen ist alles, was dem Standard der auf objektive Eindeutigkeit tendierenden Begriffssprache nicht genügt. Oder man denke an Hegel, der alle aus dem Palast des Denkens verweisen wollte, „die ohne Begriff reden wollen“. Dies hängt vermutlich aber auch mit dem hohen Anspruch auf Erklärungskraft zusammen, der sich mit
„Denksystemen“ à la Hegel verknüpft; die Sicherung der Konvergenz von Wirklichkeit und Vernünftigkeit erzwingt natürlich, daß alle Gegenstände ausgeschlossen werden, für die sich die Philosophie nicht zu interessieren hat:
die „unendlich mannigfaltigen Verhältnisse“, jenen „unendlichen Reichtum von Formen, Erscheinungen und Gestaltungen“, der den „Kern“ der Wirklichkeit mit einer „bunten Rinde“ umzieht, „welche der Begriff erst durchdringt“.(G. W. F. Hegel; Grundlinien der Philosophie des Rechts in Werkausgabe Bd. 7; S. 287) – Mal abgesehen davon, daß Hegel hier selber eine Metapher benutzt („bunte Rinde“) – von Aristoteles, der die Metapher in die Zuständigkeit der Rhetorik verweist, über Descartes und Hegel bis zu Wittgenstein wird das philosophische Selbstverständnis eingeschworen auf eine Begriffsaskese, die in den sprachlichen Bildern entweder nur Verlegenheitslösungen sieht, weil die Begriffsbildung noch nicht weit genug vorangeschritten ist, oder ein überflüssiges Ornament,
das – wenn überhaupt – der Veranschaulichung von Sachverhalten dient.

Blumenberg, der ja kein philosophisches „System“, kein Denkgebäude entwickelt, interessiert sich vor allem für die Funktion von Metaphern. Metaphern sind für ihn nicht wegzudenken, weil sie für das Verhältnis des Menschen zur Welt unverzichtbar sind:„Der menschliche Wirklichkeitsbezug ist indirekt, umständlich, verzögert, selektiv und vor allem metaphorisch.“(Wirklichkeiten, in denen wir leben; S. 115)
Metaphern sind keine Restbestände, die auf eine Ablösung durch klar definierte Begriffe warten, sondern irreduzible Denkformen, die nicht auf Formate begrifflichen Denkens zurückgeschnitten werden können. Das macht ihre „Absolutheit“ aus. Die Begriffshybris (etwa des Deutschen Idealismus) sieht in ihnen lediglich Vorformen des Begriffs, die das imaginativ vorzeichnen, was ein präziser Terminus erst zu definitorischer Bestimmtheit bringen kann. Demgegenüber hält Blumenberg beharrlich an der irreduziblen Eigenbedeutung der (absoluten) Metaphern fest. Wissenschaftliche Begriffe haben kein Monopol für alles Nennenswerte und Sagbare. Diese Rehabilitierung des metaphorischen Denkens hat auch eine philosophische Tradition, die von Vico (Neue Wissenschaft) über Hamann (Schriften zur Sprache) bis hin zu Nietzsche (Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne) und Cassirer (Versuch über den Menschen) verläuft.
Metaphern sind also nicht „Restbestände“, sondern „Grundbestände der philosophischen Sprache“(Paradigmen zu einer Metaphorologie), welche semantische Gehalte umfassen, die sich der Ausdruckskraft der begrifflichen und
objektivierenden Sprache von Philosophie und Wissenschaft entziehen.
Diese Dimension des unbegrifflich Metaphorischen läßt sich nicht ins begrifflich Logische übersetzen.

Was nun die eigentliche Funktion absoluter Metaphern betrifft, so beantworten sie Fragen, für die es keine Wissenschaft gibt:„Absolute Metaphern beantworten jene vermeintlich naiven, prinzipiell unbeantwortbaren Fragen, deren Relevanz ganz einfach darin liegt, daß sie nicht eliminierbar sind, weil wir sie nicht stellen, sondern als im Daseinsgrund gestellte vorfinden.“(Paradigmen zu einer Metaphorologie; S. 19) – Die theoretische Funktion solcher Sprachbilder liegt darin, daß sie uns Totalhorizonte aufschließen, der Welt im ganzen eine Struktur geben -uns eine Vorstellung von der Wirklichkeit in ihrer Totalität geben.Die Welt als Theater, als Uhrwerk, als Traum usw. – solche Metaphern treten natürlich nicht mit dem Anspruch des strengen Denkens auf, einen spezifischen Sachverhalt an der Welt zu beschreiben, sondern vermitteln uns eine Anschauung vom Ganzen der Realität. Darüberhinaus liegt aber auch eine praktische Funktion darin; Metaphern geben uns einen Orientierungssinn, wie wir der ungegenständlichen Totalität der Wirklichkeit gegenübertreten können. Zum Gehalt absoluter Metaphern gehören Wertungen, die bestimmte „Haltungen, Erwartungen, Tätigkeiten und Untätigkeiten, Sehnsüchte und Enttäuschungen, Interessen und Gleichgültigkeiten“ freisetzen. (Paradigmen zu einer Metaphorologie; S. 20) – Metaphern repräsentieren und orientieren gleichermaßen.

"Wir sind hier alle Individualisten. " - "Nein, ich nicht, ich bin der einzige, der kein Individualist ist. " (Das Leben des Brian)

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