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Dieses Thema hat 28 Antworten
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 Philosophische Lektüre 5
Seiten 1 | 2
Alban ( Gast )
Beiträge:

08.12.2004 16:48
Ziel dieser Lektüre antworten

Aus dem Gespräch über die Rede der Diotima im platonischen Symposion und dem daran anschließenden Aufsatz „Warum wollen wir die Wahrheit wissen?“ hat sich bei Angelia und mir die Idee ergeben, das Verhältnis von Wahrheit und Klarheit anhand der Lektüre eines Buches zu diskutieren, und zwar von Otto Friedrich Bollnow: Philosophie der Erkenntnis (Kohlhammer 1970 = 1981).

Zumindest in der 1. Auflage des Metzler Philosophen Lexikon fehlt der Name Bollnow. 1903 in Stettin geboren, studierte er zunächst Mathematik und Physik, habilitierte sich 1931 in Philosophie und Pädagogik, konnte aber im Dritten Reich nicht als Philosoph lehren. 1939 erhielt er eine Professur für Psychologie und Pädagogik in Gießen, arbeitete dann am Gießener Institut für Theoretische Physik und wurde erst nach dem Krieg Professor für Philosophie und Pädagogik in Mainz und Tübingen. Er bewegte sich also in vielen Wissenschaftsgebieten - man könnte auch sagen, dass er oft zwischen allen Stühlen saß. Er starb 1991 in Tübingen. Eine schöne Einführung in sein Denken bietet ein Gespräch, das er aus Anlass seines 80. Geburtstages mit Johannes Schwartländer geführt hat: „Die Verantwortung der Vernunft in einer friedlosen Welt“ (hrsg. von J. Schwartländer, Tübingen 1984).
Ich habe Bollnow in seinem Buch „Das Wesen der Stimmungen“ kennen gelernt, als ich Texte von Philosophen suchte, die sich mit dem Glück befassen. Er hat es 1941 unter dem Eindruck geschrieben, dass er möglicherweise den Krieg nicht überlebe. Die Stimmungen werden von ihm in der Nachfolge Martin Heideggers als der tragende Grund der Seele bestimmt; Bollnow untersucht aber - anders als Heidegger - auch die glücklichen Stimmungen und räumt der Angst keinen Vorrang ein; mit zahlreichen literarischen Belegen behandelt er schließlich „Glück und Zeitlichkeit“. - Titel weiterer philosophischer Bücher von ihm sind „Existenzphilosophie“, „Mensch und Raum“, „Das Verhältnis zur Zeit“ und eben auch „Philosophie der Erkenntnis“ (2 Bände); daneben hat er sich immer wieder mit pädagogischen Fragen befasst. Aus diesem pädagogischen Impuls erklärt sich vielleicht auch, dass er lesbar schreibt, was hoffentlich nicht nur Angelia und ich zu schätzen wissen.

Wie es weitergehen soll:
Angelia wird die beiden ersten Kapitel von „Philosophie der Erkenntis“ vorstellen, worauf ich antworten möchte; es kann aber jeder sich an dem Gespräch beteiligen, der Bollnows Buch mit uns liest.

Alban

P.S. Wie sich einige Tage später gezeigt hat, hat Angelia Kap. I und ich Kap. II vorgestellt.

Angelia ( Gast )
Beiträge:

11.12.2004 13:42
#2 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

Zu den Sachen selbst

Übrigens ein Satz, der mir sehr entgegen kommt, einen Punkt zu finden, von dem aus man starten oder weiter machen kann.
Bollnow vermittelt in seinem Buch, dass gerade dieser Punkt nicht so ohne weiteres zu finden ist und dass das Versagen einer Theorie eng an die Erwartungshaltung, was eine Theorie leisten soll, geknüpft ist.

In der Einführung können wir lesen, dass die Erkenntnistheorie ,meinst untrennbar mit der Logik verbunden, in der Philosophie lange Zeit in der Einführung der philosophischen Grundlagen nicht fehlen durfte. Alle drängenden Fragen der Philosophie sollten so entscheidbar sein.
Klingt auch ganz vernünftig, denn das Haus der philosophischen Erkenntnis soll ja zum einen ein System des gesicherten Wissens sein, nicht durch den kleinsten Zweifel zusammenfallen, in sich selbst tragfähig und ebenso einen soliden Ausgangspunkt, haben.
Diesen Punkt nennt man archimedischen Punkt, nach dem griechischen Mathematiker Archimedes, ein fester Standpunkt (außerhalb der Erde) von dem aus etwas grundlegend bestimmt, bewegt oder verändert werden kann.

Aber trotz großer Bemühungen den Erwartungen an die Erkenntnistheorie gerecht zu werden, kam es zu einem Versagen. Nach langem Hin und Her über die Problematik welche Methode nun anzuwenden sei, erhärtete sich der Eindruck, dass > die Erkenntnis überhaupt nicht im leeren Raum schwebt und deshalb nicht als ein in sich selbst begründetes System entwickelt werden kann, sondern das sie in einem umfassenden Seins und Lebenszusammenhang steht und nur daraus begründet werden kann.

Das bedeutet, dass eine theoretische Haltung nicht in sich selbst ruht, sondern sich erst nachträglich aus dem Leben handelnder Wesen ergibt: “Erkenntnis” setzt erst dann ein, wenn die selbstverständlich funktionierende Gewohnheit gestört wird.

Rationale Erkenntnis sei zudem nicht von Willensregungen, den Gefühlen und den Stimmungen zu trennen, deren Gegebenheit als Bedingung in den Erkenntnisgewinn mit einfließt.

Das zeigt, dass Erkenntnis weder autonom noch voraussetzungslos aus sich selbst heraus sein kann.

Selbst die Suche nach dem archimedischen Punkt, oder einer ersten oder letzten Voraussetzung, sieht Bollnow als gescheitert.
Es spielt dabei keine Rolle ob man den Rationalismus, als dessen Begründer Descartes gilt, oder den Empirismus, als dessen Vertreter man wohl J. Locke nennen kann, einer kritischen Prüfung unterzieht.

So zitiert Bollnow Descartes Satz: >Das die Dinge, die wir ganz klar und deutlich begreifen, alle wahr sind<. Das würde bedeuten, dass alles was evident, also als deutlich einleuchtend aber nicht weiter begründet werden muss auch als wahr beurteilt werden kann und als Grundlage für einen weiteren Erkenntnisaufbau dienen kann.

Wie können wir aber sicher sein, dass wir mit unseren evidenten Urteilen nicht einer Täuschung zum Opfer gefallen sind?

Hinzu kommt, das man selbst in der Mathematik, die logisch am klarsten arbeitet, den Gedanken an einen festen archimedischen Punkt aufgegeben hat. Wie Bollnow am Beispiel der Axiome und Parallelaxiome verdeutlicht.
Der stringente Weg von einem als sicher geltendenden Ausgangspunkt zum Ergebnis wird aufgegeben.

Auch im Empirismus, Erkenntnisse aus der Erfahrung,
lässt sich ein archimedischer Punkt, so Bollnow, nicht finden.
Zum ersten, da Erfahrungen eng mit den Sinneseindrücken verbunden sind, diese sich aber nicht als differenziertes Einzelnes darstellen, sondern als erstes einem Ganzen bestehend aus einzelnen Teilen.

Greift man den Gedanken des englischen Empirismus auf : aus welchem Eindruck kann ich einen Gedanken zurückführen steht man primär dem diffusen Ganzen aus mehreren in seinen Teilen zunächst undifferenzierten Eindrücken gegenüber. Das Ganze kann kein archimedischer Punkt sein, da es aus vielen diffusen Teilen besteht.

Dies sei nur als ein Beispiel genannt, denn im wesentlichen geht es darum, dass Erkenntnis von einem festen Standpunkt ausgehend unwillkürlich scheitern.

Aber möchte man nicht resignierend aufgeben und sich unkontrollierten Einflüssen ausgeliefert sehen, stellt sich die Frage, wenn Erkenntnis weder von einem festen Ausgangspunkt den es nicht gibt zu gewinnen ist, noch aus sich selbst heraus voraussetzungslos autonom besteht, wie ist es dann möglich zu gesicherten Erkenntnissen zu gelangen ?

Hmm.. Die zunächst als Einstieg ... Und ich bin gespannt was mein Herr und Meister Alban dazu sagt

Grüße Angelia

Alban ( Gast )
Beiträge:

11.12.2004 16:53
#3 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

Bollnow ist von der Frage ausgegangen, warum die klassische Erkenntnistheorie zusammengebrochen ist und was eine neue Erkenntnistheorie bedenken müsse.
In Kap. I hat er die beiden alten (Irr)Wege beschrieben, auf denen man zu einem Archimedischen Punkt der Erkenntnis zu kommen versucht hat. Nach Prüfung des rationalistischen und des empiristischen Weges hat er festgestellt: „Wir kommen zu keinem Anfang.“ (S. 23) - Dieses Kap. I hat Angelia vorgestellt.

Deshalb sieht er einen „Neuansatz einer Philosophie der Erkenntnis“ (Kap. II, S. 23 ff.) als notwendig an:
* Erkenntnis komme immer nur als Korrektur vorhandener Erkenntnis zustande; sie werde zirkelhaft gewonnen. Das bedeute: Hermeneutik als Theorie eines solchen Vorgehens müsse als grundlegendes Prinzip des Erkennens gelten.
* Wenn Erkenntnis nicht isoliert, sondern in Lebens- und Handlungszusammenhängen gewonnen wird (Kap. I), müsse sie auch in solchen Zusammenhängen verstanden werden. Das heißt, dass die leitenden Begriffe der Erkenntnistheorie „in ihrer tieferen Lebensfunktion zu begreifen“ sind (S. 26).
* Daraus ergebe sich als Aufgabe einer neuen Philosophie des Erkennens (so wohl besser als: der Erkenntnis), dass sie Wesen und Funktion des Erkennens im Gesamtzusammenhang des Lebens begreifen soll - also nicht die Erkenntnis „begründen“, sondern den Menschen als erkennenden verstehen soll.
An unsere Ausgangsfrage erinnert mich der Satz Bollnows, „daß nur über die Klarheit der Erkenntnis der Weg zum vollen Selbstsein gelingt“ (S. 30); das ist eine Antwort auf meine Frage: Warum wollen wir die Wahrheit wissen? Es ist eine Antwort, die noch der Auslegung bedarf.

Da Bollnow bisher nur sein Programm skizziert hat, möchte ich nicht viel dazu sagen, sondern noch abwarten, wie er sein Programm ausführt.
Zwei Bemerkungen gestatte ich mir allerdings:
1. Dass der Rückgang auf einen Archimedischen Punkt nicht gelingt, hat Hans Albert („Traktat über kritische Vernunft“, 1968) in der Nachfolge Sir Karl Poppers („Kritischer Rationalismus“ ist der Titel dieses Programms) einleuchtend gezeigt. Die methodische Schlussfolgerung Alberts ist interessant: Er fordert, die Idee der Verifizierung aufzugeben und sie durch die Idee der Falsifizierung zu ersetzen; man solle also möglichst die Einwände gegen eine Theorie heranziehen und an dieser solange festhalten, bis sie widerlegt (oder in ihrem Geltungsbereich eingegrenzt) ist.
Im Zusammenhang der Suche nach dem Anfang möchte ich ein Wort Ludwig Wittgensteins aus dem für mich so erhellenden Buch „Über Gewissheit“ (Suhrkamp, 1970) zitieren: „Es ist so schwer, den Anfang zu finden. Oder besser: Es ist schwer, am Anfang anzufangen. Und nicht versuchen, weiter zurückzugehen.“ (Nr. 471)
2. Ich habe bei meinem Referat des Kap. II einmal „Erkenntnis“ sinngemäß durch „Erkennen“ ersetzt, habe damit eine Einsicht von Norbert Elias beherzigt: dass die Nominalisierung etwa von Vorgängen und Handlungen uns oft zu falschen Vorstellungen führt, als ob es den Wind, den Tod und die Liebe quasi dinglich irgendwo gebe. Wir dürfen Erkenntnis nicht vom erkennenden Menschen trennen, nicht einmal begrifflich - da bin ich mir mit Bollnow und Norbert Elias einig.

So, Angelia,
nun sollten wir das Zusammenspiel unserer beiden Tagewerke betrachten, einmal darüber schlafen und erst danach uns äußern.
Alban

Angelia ( Gast )
Beiträge:

12.12.2004 09:05
#4 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

Guten morgen Alban

Etwas, was sich m. E. noch einmal besonders zu erwähnen lohnt ist die Aussage Bollnows, ( Kap. I - 3 S. 21 ) von der Unmöglichkeit eines absoluten Anfangs für die Erkenntnis. Die Welt ist für den Menschen immer schon eine verstandene. Selbst wenn irgend wann ein Mensch eine vom denken unberührte Erstwahrnehmung hatte, so hat sich diese durch Erfahrung noch nicht als richtig erwiesen und ist rein hypothetisch. Hinzu kommt die Ausrichtung der Wahrnehmung auf das Ganze.

Wissen wird uns von Kind an vermittelt, ist bereits verstanden und wir selbst wissen nichts von einem Anfang sondern finden uns schon immer in der Welt vor. So heißt es auch sinngemäß ( S. 22 ) Je tiefer wir in dem Brunnen der Vergangenheit schürfen, erweist sich dieser als gänzlich unauslotbar.
Unser Erkenntnisgewinn fängt also nicht an einem Anfang an sondern mitten drin, entspringt dem diffusen Ganzen und fordert zur >schrittweisen Erhellung und in ständiger kritischer Überprüfung jedes einzelnen Wissens um dieses immer fester begründen bzw. absichern zu können auf.<

Umgesetzt auf den Erkenntnisgewinn würde das bedeuten, jeder gesetzte Anfangspunkt ist eine Hypothese.( S. 17 ) Man setzt zunächst versuchsweise voraus was einem einleuchtend erscheint, prüft das was man voraussetzt durch Folgerungen und Rückschlüsse auf die Richtigkeit und modifiziert entsprechend die Voraussetzung. Von diesem modifizierten Standpunkt aus beginnt der hin und zurücklaufende Prozess von vorn.

Die philosophische Grundhaltung finden wir schon bei Sokrates vor, der davon ausgeht - ich weiß das ich nichts weiß - und entspricht der wissenschaftstheoretischen Methode der Hermeneutik weitestgehend.
Zudem erinnert sie mich an die Hegel´sche Dialektik von ( Hypo) These - Antithese und Konsens.

Während Wissenschaftstheorien nun einem Teil aus dem Ganzen erkenntnistheoretisch absichern, stellt sich die Frage nach der Aufgabe für die Philosophie neu....

Dieser Frage stellt sich Bollnow nun und widmet sich im weitern Verlauf auch der Möglichkeit der Bewältigung der Aufgabenstellung.

Einen schönen Sonntag wünscht Angelia


Alban ( Gast )
Beiträge:

12.12.2004 14:36
#5 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

Hallo Angelia,

die "Anfangslosigkeit" unseres Wissens hängt auch damit zusammen, dass "am Anfang" eben Lebensweisen, Lebensformen stehen, in denen sich ein nichtbewusstes Wissen niedergeschlagen hat. Wir rennen also irgendwo rum oder waten durch den Sumpf, und dann erst fragen wir: Auf welchem Boden stehen wir eigentlich? Und während wir das fragen, können wir nicht aufhören, auf besagtem Boden zu leben, auch wenn man Bodenproben entnehmen und auch untersuchen kann, immer etwas tiefer bohren kann...

Vielleicht kann man die Problematik des Anfangs damit vergleichen, was ich in der Schule immer wieder sagen muss: Die Ordnung des Erkennens ist nicht die Ordnung des Darstellens; wenn du den Aufsatz schreibst, also das Erkannte darstellst, fängst du schön "am Anfang" an und gehst dann schrittweise voran - aber dein Erkennen ist chaotischer verlaufen!
Oder wenn man eine Szene (eines Dramas) analysiert, lautet mein Rat: "Du musst einen Rahmen schaffen, in dem du die Szene untersuchen kannst!" Also etwa: die Situation der Figuren; das Ziel dessen, der das Gespräch herbeiführt; der Stand des Geschehens usw. - Das Bild vom Rahmen finde ich erhellend: In einem Rahmen erkläre ich einen Teil des Ganzen; den Rahmen bildet das Ganze - was aber könnte der Rahmen sein, in dem ich das ganze Drama erkläre? Das könnte nur die Theorie des Dramas, das Gesamtwerk des Autors usw. sein. Wenn ich dafür wiederum einen Rahmen suche usw.

Wir rühren hier an das gleiche Problem, auf das Platon mit seiner Dihärese (fortlaufende Unterscheidung bzw. Subsummierung von Begriffen unter einen allgemeineren Oberbegriff) gestoßen ist: Jupp - die anderen; -> Kölner - die anderen; -> Deutsche - die anderen; -> Europäer - die anderen; -> Menschen - die anderen Tiere; -> Tiere - die anderen Lebewesen; -> Lebewesen - die Dinge; -> Seiendes - ???
Das heißt dann vielleicht, dass "Seiendes" nichts mehr in gleicher (!) Weise bezeichnet wie "Europäer" oder "Jupp", sondern ??? Auch "Seiendes" (oder gar "Sein") wäre kein Anfang, an dem man anfangen könnte, sondern ein Etikett oder ein Wegweiser, auf dem eigentlich steht: "Hier geht es nicht mehr weiter." (Wenn man "Seiendes" als echten Anfang nimmt, fangen die metaphysischen Träumereien an: ob es neben dem Seienden das Nichtseiende gibt... Und dann kommen wir zum Gott, der "alles" aus dem "Nichts" schafft, und dann fragt man nach dem Größeren, das auch den Gott umgreift.)

Gruß, Alban

Angelia ( Gast )
Beiträge:

13.12.2004 22:43
#6 RE:Ziel dieser Lektüre antworten


Hallo Alban

Wenn du von nicht bewusstem Wissen sprichst, von Lebensweisen und Lebensformen, würde ich damit den Boden der Gewohnheiten assoziieren.
Mir fällt dazu auch spontan Platons Höhle ein und im Verlauf des Buches, immerhin habe ich mich bis zur Seite 100 vorgelesen, kommt mir in den Sinn, was ich hier und da Mal gelesen habe. Das würde ich nicht als Erkennen bezeichnen, sondern die Sätze oder ganze Kapitel, die eine emotionale Reaktion auslösen, mich ergreifen und ein diffuses Gefühl des hier stimmt was nicht auf diesem Boden, plötzlich aus Gedankenfetzen einen klaren Gedanken des Verstehens formen.

Und wenn ich mich frage, warum machst du das hier eigentlich, warum liest du dieses Buch und schreibst dir die Finger wund, dann weiß ich es seit dem Satz : die Aufgabe der Philosophie ist es Wesen und Funktion der Erkenntnisse im Gesamtzusammenhang des menschlichen Lebens zu begreifen und nicht theoretische Erkenntnisse der Einzelwissenschaften zu sichern. Des menschlichen Lebens ... Und für mich liegt die Betonung auf menschlich ... Und da ich menschlich sein will, weder funktional noch in irgend ein Schema oder einen Rahmen gepresst auf mein menschlich sein verzichten will, diesen Standpunkt auch vertreten und begründen können will, darum lese ich welche Möglichkeiten sich für meinen Rahmen bieten und schreibe um das begründen zu üben.

Und da wäre auch schon der zweite Punkt meines persönlichen Gewinns aus diesem Buch, nämlich die Frage, ob Theorien dazu da sind, dem Menschen übergestülpt zu werden oder ob sie sein handeln erleichtern sollen.
Es gibt sicher Beispiele in beide Richtungen, es ist nur die Frage was macht Sinn.
Dazu habe ich eine Meinung - die beruht auf Ansicht - aber was ist ein Vorurteil - und wie komme ich dazu zu denken hier stimmt was nicht....

Gut das wir das Buch lesen... Auch wenn ich jetzt ein persönliches Statement abgegeben habe, aber mir war danach.

Hm ... Wo nehmen wir den Faden wieder auf?
Diese Woche ist leider etwas stressig für mich, aber ich hoffe Zeit zu finden.

Liebe Grüße Angelia


Alban ( Gast )
Beiträge:

14.12.2004 08:52
#7 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

Angelia,

du schreibst: "Das würde ich nicht als Erkennen bezeichnen, sondern die Sätze oder ganze Kapitel, die eine emotionale Reaktion auslösen, mich ergreifen und ein diffuses Gefühl des hier stimmt was nicht auf diesem Boden, plötzlich aus Gedankenfetzen einen klaren Gedanken des Verstehens formen."
Diesen Satz verstehe ich nicht, er ist syntaktisch etwas aus den Fugen geraten. Was ist das "Das", was du nicht als Erkennen bezeichnen würdest?

Ansonsten ist mir klar, was du sagst: Du liest das Buch um deiner Klarheit willen.
"Und das ist gut so."
In Sachen Theorie-Rahmen kann ich dir nur zustimmen: Wer uns einen Rahmen des Denkens von oben verpassen will, ohne uns die Möglichkeit der Korrektur zuzugestehen, will uns das Denken verbieten.

Wir müssen uns nur darauf einigen, wer Kap. III vorstellt.
Alban

Angelia ( Gast )
Beiträge:

14.12.2004 21:06
#8 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

Lieber Meister Alban

Das “Das” in meiner Ausführung .... Es ist ähnlich wie bei einem Memoryspiel. Ich stelle zwar bei zwei Texten die gleichen Zusammenhänge fest, kann sie sogar zitieren und den Zusammenhang erkennen, aber ob ich dadurch eine Erkenntnis hatte, dass ist damit noch nicht gesagt. Ich vergleiche gewonnenes Wissen miteinander. Mehr nicht. Noch habe ich damit keinen Zusammenhang zu meinem eigenen Denken hergestellt und abgeklärt, inwieweit oder ob es Parallelen zu meiner Welt gibt, ob der Text im der heutigen Zeit noch gültig ist, ob er mir etwas nützt. Was hat Platon mit mir zu tun? Ist es nützlich für mich in meinem Denken und was bringt es mir für das Handeln? Schlicht und ergreifend, das vergleichen von Texten sagt noch nichts darüber aus ob ich reflektiert habe.

Ist das “DAS” jetzt klarer rüber gekommen?

Alban, wenn du damit einverstanden bist möchte ich dich bitten das dritte Kapitel vorzustellen. Ich könnte so Zeit schinden und mir das ein oder andere noch von dir abkucken. Wir hätten, wenn du mehr Zeit hast als ich, nicht so große Pausen und ich könnte langsam Kap. IV vorbereiten.

Was meinst du?

Grüße Angelia

übgigens habe ich enorme Schwierigkeiten diese Seite aufzurufen. Du auch??

Alban ( Gast )
Beiträge:

14.12.2004 23:18
#9 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

Liebe Meister-Schülerin Angelia,

nicht nur diese Seite klemmt, heute klemmt bei homepagemodules alles... Ich habe schon bei Nauplios angefragt, bei dem klemmt's auch, sogar auf zwei browsern.
Also, das "Das" verstehe ich nun einigermaßen.
Das Kap. III übernehme ich; über die Gewaltigkeit des von uns jeweils erlittenen Stresses wollen wir nicht diskutieren, weil man da nichts miteinander vergleichen kann, jeder leidet für sich allein - ich muss nur im Sinn des Philologenverbandes jeden Verdacht, die Lehrer täten nichts, entschieden zurückweisen!!!
Heimlich vermute ich, dass du dir so das tolle Kap. VI an Land ziehen willst: Alban III, Angelia IV, Alban V, Angelia VI... Aber da ich das verstehe und außerdem Bollnow schon lange kenne, wenn auch im Einzelnen natürlich wieder vergessen habe, spiele ich mit. Bis zum Wochenende werde ich Kap. III sicher referiert haben.

Gruß, Alban

Angelia ( Gast )
Beiträge:

15.12.2004 21:05
#10 RE:Ziel dieser Lektüre antworten


Lieber Alban

kurzes off topic :-)

In Antwort auf:
ich muss nur im Sinn des Philologenverbandes jeden Verdacht, die Lehrer täten nichts, entschieden zurückweisen!!!

mach dir nix draus, das ist Gerede und ich freue mich schon wenn wir zu diesem Punkt (Kap. 5 )kommen
mir ist gar nicht aufgefallen, dass dieses Kapitel mir zufällt aber da es sich nun so ergeben hat sage ich nicht nein

Ich freue mich auf das Referat über Kap. 3 und

schöne Grüße Angelia

Alban ( Gast )
Beiträge:

15.12.2004 22:51
#11 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

In Kap. III widmet Bollnow sich der Aufgabe, eine neue Philosophie des Erkennens aufzubauen: „Der Ausgang von der verstandenen Welt“ (S. 31 ff.)

Im Rückgriff auf Martin Heideggers Einsichten nimmt OFB (= Bollnow) an, dass das Verstehen von Welt ganz ursprünglich ist, dass in menschlicher „Befindlichkeit“ Verstehen der Welt impliziert ist. In dem Sinn gebe es ein natürliches Welt- und Lebensverständnis.
Als seine beiden Aufgaben bestimmt Bollnow, einmal das natürliche Weltverständnis herauszuarbeiten, sodann den Fortgang zum Unbekannten, die Entstehung kritischer Erkenntnis zu untersuchen.

1. Das natürliche Weltverständnis (nach W. Dilthey, S. 32 ff.)
Alles, womit wir zu tun haben, stehe in einem Lebensbezug zu uns. Nach menschlichen Bedürfnissen sei unsere Welt geordnet, alles habe seinen Platz, damit auch eine Bedeutung für uns: Und so ist es verstanden. Erst davon sei ein theoretisches Weltverhältnis abgeleitet.
In einem Querverweis wird Husserls Begriff der Lebenswelt berührt (S. 35 f.), Husserls Vorgehen jedoch abgelehnt, da er sich einer Letztbegründung theoretischer Erkenntnisse verschrieben habe.
2. Bergsons Einsicht sei es (S. 37 ff.), dass die Praxis älter als die Theorie sei und dass der Verstand ursprünglich im Dienst des Handelns stehe/gestanden habe. Man könne auch handeln ohne Bewusstsein.
Den Vorrang des Handelns vor dem Erkennenen umschreibt OFB als spezifisch lebensphilosophische Position: das Erkennen als eine Funktion des Lebens zu begreifen (S. 39).
In einer kurzen Reflexion auf den „Anfang“ stellt OFB klar, dass zwischen Praxis und Theorie kein einseitiges Verhältnis besteht, sondern dass sie wechselseitig aufeinander bezogen sind (S. 40).
3. Dewey (S. 40 ff.) nennt das selbstverständlich Gegebene „Gewohnheit“ (habit); diese bilde für Menschen den tragenden Grund, „Triebe“ störten sekundär Gewohnheit und böten dann Gelegenheit, dass Intelligenz solche Störungen verarbeite. Störung und Mangel bildeten also den Ursprung von Bewusstsein. „Das gesunde und harmonische Leben denkt nicht, denn es braucht nicht zu denken.“ (OFB, S. 43)
OFB weist ausdrücklich darauf hin (und greift damit auf Kap. VI vor), dass es zum Wesen des Lebens gehört, nicht pflanzenhaft zu verlaufen, sondern gestört zu werden „und die Störung in einer neuen Leistung zu überwinden“ (S. 43).
4. Der Grundgedanke dieses Kapitels, dass „höhere“ Leistungen aus einem selbst-verständlich gegebenen Untergrund hervorgehen, wird dann an Gedanken Martin Heideggers noch einmal entfaltet (S. 44 ff.): Am Anfang steht der besorgende Umgang mit Sachen, dem „Zeug“, was ich aus dem Gebrauch kenne. Es gebe da ein durchschnittliches Seinsverständnis, das über seine „Auslegung“ zur klar gefassten Erkenntnis werde, wobei die „als-Struktur“ des Zuhandenen verändert werde [eigenwillige Begrifflichkeit, stammt von Heidegger, nicht von OFB oder mir!]. In der Aussage werde aus dem Zuhandenen das Vorhandene mit bestimmten „Eigenschaften“. Die ursprüngliche Auslegung geschieht also im Umgang mit dem Zeug, die Aussage sei ein abkünftiger Modus dieses Verstehens.

Diese Überlegungen scheinen mir eine Vertiefung von Kants Einsicht insofern darzustellen, als hier der Lebensbezug elementar ist, sodass klar wird, dass nach den Dingen „an sich“ zu fragen von der ursprünglichen Erkenntnis wegführt.
Dass die Welt, in der jedes Lebewesen überlebt, eine elementar verstandene ist, berührt auch den Grundgedanken der Evolutionstheorie, dass „Wesentliches“ nicht verstehende Lebewesen als Art ausgemerzt werden (sie bekommen nicht die Chance, sich fortzupflanzen). Was wesentlich ist, wird von der Chance des Überlebens bestimmt: wesentliche Gefahren, wesentliche Nahrungsmittel und Schutzräume. Die Wesentliches (durch Mutation: dauerhaft) lernenden Arten breiten sich aus...
Dass auch menschliche Wahrnehmung von solchen Gesetzmäßigkeiten bestimmt ist, darf als gesichert gelten (H. Sachsse: Einführung in die Kybernetik unter besonderer Berücksichtigung..., 1971, S. 172 ff.): Wir machen das Wahrgenommene eindeutiger, als es ist, damit wir entscheiden können, was zu tun ist; wir nehmen das sich Wiederholende, das Konstante wahr und können uns so orientieren; wir nehmen das sich schnell Verändernde wahr, was möglicherweise eine Gefahr anzeigt.
Dieser Tage stand in der FR ein Artikel von Katrin Käppler-Hanno („Selbstbewusst“, FR 14.12.04, S. 27), in dem diese amerikanische Untersuchungen referierte, dass Tieren Bewusstsein zukommt: Wenn Rhesusaffen wussten, in welchem Röhrchen sich eine fressbare Belohnung befand, griffen sie einfach zu; wenn sie es nicht wussten (gesehen hatten), begannen sie zu suchen. Bewusstsein: Wissen und Nichtwissen unterscheiden, bei Nichtwissen (Störung im Sinn von OFB) auf Suchen umschalten.
Allgemeiner gesagt: Der Gewohnheit entspricht ein Bewusstsein, welches den gewohnten Ablauf kennt und bei dessen Störung Lösungen zu suchen antreibt.

Hallo Angelia, kurz noch ein (vor 40 Jahren erfundenes) Bibelzitat, angewendet auf die Ansichten über Lehrer-Arbeitsmoral: "Maach dir nix drus, ich maak mir och nix drus." (Hosea 7,6)
An dieses Neu-Bibelwort halte ich mich, solange es nicht politisch relevant wird (Erhöhung der Stundenzahl, Kürzung der Leistungen).
Alban

Angelia ( Gast )
Beiträge:

16.12.2004 21:29
#12 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

Hallo Alban

In Antwort auf:
Leider ist die andere Ansicht: dass Lehrer nichts tun, politisch relevant: Erhöhung der Stundenzahl, Kürzung der Leistungen... Aber das hat mit uns nichts zu tun, wenn man es auch nicht vergessen sollte.
Alban

Nicht nur Lehrer tun ltd. dem Gerede noch zu wenig für ihr Geld. Auf solch einer Grundlage Reformen oder Strukturveränderungen zu verabschieden erscheint mir fragwürdig. Und wenn Bildung im Rahmen der Föderalismusreform unter den marktwirtschaftlichen Bedingungen des freien Wettbewerbs gehandelt wird, frage ich mich, wie die Entscheidung unter Berücksichtigung der von dir erwähnten ersten beiden Punkte zum Weltverständnis gehandelt würden. Aber das Weltverständis ist es was uns interessiert

am Wochenende hoffe ich Kap. 4 endlich in Angriff nehmen zu können, gelesen habe ich es schon 2 x

Grüße Angelia

Angelia ( Gast )
Beiträge:

18.12.2004 23:05
#13 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

In seinem IV. Kapitel greift Bollnow die Wahrnehmung auf um nach meinem Verständnis auf den ursprünglichen Grund der Erkenntnis zu führen und den Gedanken vom selbstverständlich gegebenen Untergrund ( Kap. III ) anzuknüpfen.

Anmerkung: Wahrnehmung ist per Definition das Aufnehmen von Informationen aus der ( Um ) Welt über die Sinnesorgane.

Wahrnehmung in reiner Form ist eine vorlogische Leistung, ( Bollnow ) d.h. eine bloße Anschauung der Fülle erfassbarer (Um) Welt über die Sinne , ein betrachten ohne gedanklich einen direkten logischen Bezug herzustellen.

Das dieser bloßen Anschauung bereits ein verstehen eingegeben ist, verdeutlicht Bollnow anhand Cassirers “Genese der Wahrnehmung” aus dem Band “Philosophie der symbolischen Formen”
Um Wahrnehmung anthropologisch in ursprünglicher Form untersuchen zu können, verließ man den modernen von der Wissenschaft geformten Menschen und untersuchte Menschen mit ursprünglichen Wahrnehmungsfähigkeiten - Naturvölker und Kinder. Auf die Ergebnisse der Psychologen und Völkerkundler gestützt kam Cassirer zu folgenden Ergebnissen:

- Die ursprüngliche Form der Wahrnehmung ist bereits verstehen von
Ausdruck.
- Wirklichkeit wird als lebendige Wirksamkeit erfahren, von einer bestimmten
Dingwelt kann nicht gesprochen werden.( Dies greift m. E. Albans Hinweis
auf Kant und der Frage nach den “Ding an sich” auf, und untermauert das
in Fragestellen des archimedischen Punktes)
- Welt drückt sich ( durch Phänomene und Erscheinungen? ) aus, diesem
Ausdruck haftet bereits ein Sinn an.
- Wahrnehmung erfasst und versteht den Ausdruckssinn, ohne das die
Leistung der Deutung oder Interpretation erbracht werden muss.
- es deutet nichts auf ein anfängliches Chaos von Sinnesempfindungen hin,
sondern es ist immer schon differenzierte Ausdruckswahrnehmung.

Anmerkung: Es lohnt sich Platons Idee von der unsichtbaren Welt, die perfekte Modelle für alle Erscheinungen bereit halten soll, mit dem oben erwähnten einmal zu vergleichen.

Cassirer sieht in der Leistung der Sprache die Möglichkeit, der Vielfalt der Ausdruckserlebnisse einen Rahmen und Bestimmung zu geben. D.h. fixieren der Erlebnisse, Gestaltung durch benennen . Er verweist darauf, dass sich hier bereits der Übergang zu einer theoretischen Erkenntnis anbahnt.

Anmerkung: Der Werdegang von der bloßen Wahrnehmung von Ausdruck der lebendigen, vielfältigen Wirklichkeit - über die Formulierung oder das ausdrücken mit Hilfe der Sprache, schaffen von sprachlichen Symbolen - hin zur theoretischen Erkenntnis verdeutlicht m.E. das, was Cassirer,( ltd. Bollnows Erwähnung ) in seinem Band “was ist der Mensch” klar zum Ausdruck bringt:
Der Mensch lebt in einem symbolischen und nicht mehr in einem bloßen Universum ....
Er sei so sehr in sprachliche Formen, mythischen Symbolen [...] eingebunden, dass er ohne diese Hilfsmittel nichts erfahren oder erblicken kann. Jede Wirklichkeit sei eine bereits gedeutete, jede Bemühung um Erkenntnis schon immer Interpretation einer Interpretation und es sei unmöglich jemals auf einen reinen Text zu treffen, der nicht schon Interpretation erfahren hat.

Fortsetzung folgt....

Grüße Angelia



Alban ( Gast )
Beiträge:

19.12.2004 07:37
#14 RE:Ziel dieser Lektüre antworten


Ein kleiner Nachtrag zu Angelias Referat von Kap. IV:

Einleitend hat OFB Wahrnehmung / Empfindung / Vorstellung unterschieden (S. 52 f.)

Wichtig in seiner Kritik an Cassirer ist, dass OFB die Geste des Zeigens deutlich vom Sprechen unterscheidet (S. 56 ff.): Durch Sprechen kann man sich aus der Situation des Wahrnehmens und Zeigens lösen. Wir können die Wirklichkeit (nur) im Medium der Sprache erfassen, nie ursprünglich: also als symbolisches Universum (S. 58 f.). Schön finde ich OFBs Bild: Wir sind eingeschlossen in die Folge der Interpretationen, ohne je den reinen Text erreichen zu können.
Alban

Angelia ( Gast )
Beiträge:

19.12.2004 22:17
#15 RE:Ziel dieser Lektüre antworten

Fortsetzung...

Alban: Wir können die Wirklichkeit (nur) im Medium der Sprache erfassen, nie ursprünglich: also als symbolisches Universum (S. 58 f.). Schön finde ich OFBs Bild: Wir sind eingeschlossen in die Folge der Interpretationen, ohne je den reinen Text erreichen zu können....

.... von Anfang an lebt der Mensch also ( Cassirer ) in einer verstandenen und gedeuteten Welt, die Cassirer als symbolische Welt bezeichnet.

Bollnow interessiert sich im Gegensatz zu Cassirer nun dafür wie die Wahrnehmung im Lebenszusammenhang funktioniert (S. 60).

Er erkennt der Wahrnehmung eine Warnfunktion zu. Solange wir uns routiniert durch das uns vertraute Leben bewegen, könne man streng genommen noch nicht von Wahrnehmung sprechen. OFB begreift die Wahrnehmung als einen biologisch zweckmäßigen Vorgang: Kenntnisnahme einer Veränderung oder Abweichung der gewöhnlichen Ordnung. Diese Abweichung mache uns bei veränderten Situationen auf die Notwenigkeit einer Reaktion aufmerksam. Wahrnehmung verhelfe zur Orientierung, um im alltäglichen Leben adäquat handeln, sprich das Verhalten einer Situation anpassen zu können. So nehme man nur das wahr, was für das eigene Verhalten notwenig sei. Als Beispiel einfachstes Beispiel ist hier das Überqueren der Straße genannt.

Kurz gesagt erwachse die Wahrnehmung aus einer Störung der Gewohnheit (Dewey), steuere das Verhalten, trete mit einer gewissen Heftigkeit auf (was logisch nachvollziehbar erscheint, denn wie soll man diese Störung sonst registrieren?); diese Heftigkeit lässt nach, sobald die notwendige Korrektur des Verhaltens erfolgreich statt gefunden hat.

Da eine methodische Beobachtung einer menschlichen Wahrnehmungssituation schwierig sei, verweist Bollnow auf die Verhaltensforschung. Man hat herausgefunden, dass z.B. für Hühner einzelne scharf umrissene Merkmale aus dem komplexen Ganzen als Schlüsselreize ausreichten, um eine Attrappe als Raubvogel zu erkennen und eine entsprechende Reaktion auszulösen.
Damit man prägnante Einzelmerkmale aber einem Ganzen zuordnen kann, muss das Ganze bereits grundsätzlich bekannt sein. “Ich bleibe im Zusammenhang meiner geschlossenen Welt. Sie als ganze verändert sich nicht. Ich bleibe in sie eingeschlossen.” (OFB)

Vom Wahrnehmen unterscheidet OFB das Sich-ansehen. …

Fortsetzung folgt ...

Alban, ich danke dir für deine Unterstützung und das zusammenfassen meines ursprünglichen Textes

Angelia

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