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 Philosophische Lektüre 4
TemporarySilent Offline




Beiträge: 231

29.10.2004 04:56
Kleines nautologisches Ontologikum - Teil 2 antworten


Nauplios:

Die Epikureer knüpften in ihrer Kosmogonie und Naturphilosophie an die Atomtheorie Demokrits an. Die Welt ist aus einer chaotischen Urmasse von unterschiedlich geformten Atomen hervorgegangen; der „evolutionary kick“ war Das Kapitel „Ästhetik und Moral des Zuschauers“ führt uns zurück zur Philosophie Epikurs dann das Zustandekommen von Wirbelbewegungen, welche die schweren von den leichteren Atomen getrennt haben und so gleichsam die Weltbildung eingeleitet haben. Auch die Seele besteht aus Atomen und zwar aus besonders feinen und runden. Die Götter haben also überhaupt gar keinen Einfluß auf die Entstehung der Welt gehabt; sie leben von der Verwaltung der Welt unbehelligt in ihren Intermundien, den „Zwischenwelten“ und sind eigentlich für das Ideal humaner Selbstbehauptung das Souveränitätsideal schlechthin. Unbeirrbare Heiterkeit und teilnahmslose Gelassenheit dieser göttlichen Unbeschwertheit ist das Vorbild der epikureischen Philosophie. Die sterblichen Menschen erreichen die angestrebte ataraxia (tranquillitas animi) nur, indem sie sich Gott angleichen (homoiôsis theô). – Mit seinem Lehrgedicht „De rerum natura“, was im Deutschen meist recht frei mit „Welt aus Atomen“ übersetzt wird, hat Lukrez der epikureischen Philosophie eine poetische Form gegeben; im Proömium zum vierten Buch sieht er seine Aufgabe einzig darin, die Philosophie Epikurs in schöne Verse zu hüllen – nam veluti pueris absinthia taetra medentes / cum dare conantur, prius oras pocula circum / contingunt mellis dulci flavoque liquore … so, wie wenn der Arzt den Kindern bitteren Wermut einzuflößen versucht, er vorher den Becher am Rande überstreicht mit des Honigs süßem, goldenem Seime, …

Die Imaginationen, mit denen Lukrez die Unbetroffenheit des philosophierenden Menschen, seine ataraxia, konfiguriert, stellen ihn vor als jemanden der den Status eines Zuschauers einnimmt, welcher dem Weltgeschehen gegenüber einen festen Grund hat. Dieser Zuschauer steht dann am Ufer der Erscheinungen und betrachtet vom sicheren Boden aus das Universum – wohl bedenkend, daß das, was die Wirklichkeit ihm bietet wie Trümmer gewaltiger Schiffbrüche (quasi naufragiis magnis multisque coortis) an den Strand der sichtbaren Erscheinungen geworfen werden. Der Mensch erreicht die tranquillitas animi also dadurch, daß er in all dem Wirbel der Atome den Standpunkt des unbeteiligten Zuschauers einnimmt. So gesehen ist vielleicht der Epikureismus eine frühe Agenda gegen die Attitüde des Zeitgeistes, Betroffenheit vor allem bei Gelegenheiten zu zeigen, bei denen man nicht betroffen ist.



TemporarySilent:

Bei Lukrez geht es m.E. nicht nur um das Fehlen von Betroffenheit sondern um den Genuss der eigenen Nicht-Betroffenheit, die das Realitätsverhältnis des Philosophen prägt. Der Zugewinn des Philosophen liegt in dessen Wahrnehmung der Zuschauerposition als Theorie-Ideal. Dieses soll zuende geführt werden und am entscheidenden Punkt widersprochen werden. Der Zuschauer ist in dieser Hinsicht nicht unbeteiligt sondern verhält sich genussorientiert ;-)
Sein Genuss liegt nicht in der „Erhabenheit“ des theoretischen Gegenstandes, sondern im Selbstbewusstsein gegenüber dem Stoffuniversum. Seine Eudämonie verflüchtigt sich angesichts der Tatsache, dass der Kosmos nicht mehr die Ordnung symbolisiert, sondern zu seinem Residuum an Zusicherung wird. Dieses Kapitel steht unter dem Heading ,dass sich der Mensch mit der Rolle des Zuschauers begnügt und seinen philosophischen Standort nicht verlässt. Der erste Schiffbruch des Menschen ist Lukrez zufolge die Geburt. Das Neugeborene wird aus der Mutter heraus an die „Strände des Lichts“ katapultiert.
Diese Metapher nimmt die Vorstellung von der Seefahrt als Widernatürlichkeit vorweg.
Selbst Voltaire muss den Schiffbruch als Vorgabe akzeptieren. Die in der Philosophie diskriminierten Leidenschaften werden als Bewegungsenergie für den Menschen uminterpretiert. “Dieses Leben bleibt nur in Gang durch das, was ihm auch tödlich sein kann.“ Der menschliche Schiffbruch gerät hier zur Antinomie zwischen Antrieb und Bedrohung. Voltaires Freundin, die Marquise du Chatelet, beschreibt das Liegenbleiben im Hafen als versäumtes Lebensglück. Die Zuschauerposition verändert sich zu einem am Geschehen –Beteiligt- Sein, und zwar dadurch ,dass der Zuschauer Neugierde empfindet. An dieser Stelle befindet sich Voltaire im Widerspruch mit Lukrez, indem er auf die Reflexivität des Zuschauers angesichts der Seenot des anderen verweist. Sicherheit und Glück des Zuschauers sind die Bedingungen für dessen Neugierde.
Galliani bestimmt sogar Neugierde als anthropologisches Kriterium. Dieses wird hier zum angstfreien Impuls.



Nauplios:

Mit dem „Genuß“ sprichst Du ein Leitmotiv der epikureischen Philosophie an und gleichzeitig damit ein altes Dilemma: Geht dem Lebensgenuß, dem Glück, der eudaimonia und ihrer epikureischen Variante der ataraxia eine Reflektion voraus? Oder ist diese Reflektion nur der Aufschub des Glücks oder - noch zugespitzter – seine Verhinderung? Nautologisch gesprochen wäre dann der Hafen der Ort des versäumten Lebensglücks; Schopenhauer könnte einem da in den Sinn kommen: „… ich aber habe mir vorgenommen, über dasselbe (das Leben) nachzudenken.“ – Bei Voltaire findet eine entscheidende Wendung des Genußmotivs statt, eines Motivs, daß der lukrez´sche Zuschauer noch hat: Die Behaglichkeit der eigenen Unbetroffenheit und der stille Genuß daran weicht dem Motiv der „curiosité“, der Neugierde, die als „sentiment naturel à l´homme“ eine anthropologische „Verankerung“ erfährt. Der Weise empfindet nicht allein Genuß am eigenen Unbetroffensein, er führt nicht – wie bei Epikur und Lukrez – eine Gartenexistenz, sondern hinzu kommt noch, daß auch er – wie alle Menschen – von Natur aus „neugierig“ sind – „Alle Menschen streben von Natur aus nach Wissen“ (Aristoteles) – und diese Neugier legitimiert seinen Status als Zuschauer.

„… mais y a t´il un port dans ce monde?“ – Gibt es überhaupt einen Hafen in dieser Welt? Das den Menschen betreffende Weltgeschehen findet unterhalb der Schwelle kosmischer Aufmerksamkeit statt. Das erfahren in Voltaires Micromégas die Teilnehmer der berühmten Lapplandexpedition von Maupertius, welche in der Ostsee Gegenstand des erkundenden Interesses zweier kosmisch reisender Riesen werden. Ihr Vergrößerungsglas reicht zwar aus, um Schiff und Walfisch zu sehen, aber das menschliche „Getümmel“ an Bord sehen sie nicht – trotz der Behutsamkeit, mit der einer der Riesen das mikroskopisch kleine Schiff auf seine flache Hand legt. Menschliche Belange unterschreiten den Grenzwert des kosmisch Relevanten. Gegenüber den Ambitionen von Fontenelles gelehriger Marquise, die noch begeistert Studienobjekt sein wollte, kündigt sich bei Voltaire das Bewußtsein der nachkopernikanischen Unerheblichkeit des Menschen an.



Eine Metapher in der Metapher ist schließlich das, was Abbé Galliani in seiner Correspondence an Madame d´Épinay über den Schiffbruch mit Zuschauer schreibt; zur Veranschaulichung der menschlichen Situation greift er auf das Bild des Theaters zurück. Dieses Theater spielt das Stück von der Gefährdung des Menschen, aber erst die Distanz des Zuschauers erlaubt ihm, sich für die Gefahren zu erwärmen; die sicheren Plätze im Zuschauerraum sind so sicher, weil sie wie das sichere Ufer von allen Schiffbrüchen unangefochten sind. „Fast alle Wissenschaften sind aus Neugier entstanden. Und der Schlüssel zu allem liegt in der Sicherheit, in dem leidlosen Zustand des neugierigen Wesens.“ (Galliani) – Der Meeresstrand findet im Theater statt und damit ist der lukrez´sche Zuschauer seinen moralischen Verlegenheiten entzogen und seine Ästhetisierung eingeleitet.



TemporarySilent:

Das vierte Kapitel ist mit „Überlebenskunst“ beschrieben. Was will uns Blumenberg mit diesem Kapitel sagen?
Es soll sich mit der ironischen Distanz Goethes nach der Niederlage bei Jena beschäftigen, diese wird im Bild Lukrez symbolisiert, nämlich dem der anscheinend leidenschaftslosen Distanz des Zuschauers. Inwiefern sie ironisch wird, bleibt nicht nachvollziehbar. Die Thematik des Kap III mit anderen Protagonisten scheint anzuklingen. Goethe ist derjenige, der mit seinem Schweigen die Distanz seiner Geschichte zur Geschichte an sich schafft. Den zugrunde liegenden Streit mit Gessner kann ich nicht nachvollziehen, geschweige denn zusammenfassend wiedergeben. Vertieft wird hier die Reflexivität – aber aus welchem Grund?
Goethe hält Lukrez gefeierte Philosophie für inhuman hinsichtlich des Anspruchs Todesangst in Furchtlosigkeit zu verwandeln.
Im 15. Buch „Dichtung und Wahrheit“ wird die Schiffbruchsmetaphorik überwunden – die auf dem Meere gezogenen Bahnen hinterlassen keine Spuren. Diese Spurlosigkeit wird zur Leitmetapher, die den „vergeblichen Geschichtsstolz des ausgehenden Jahrhunderts der Aufklärung auf die Unverlierbarkeit seiner Errungenschaften, auf die Fortgängigkeit der einmal gefundenen Wege“ bezeichnet.
Fortschritte und Untergänge hinterlassen dieselbe unberührte Meeresoberfläche.


"Wir sind hier alle Individualisten. " - "Nein, ich nicht, ich bin der einzige, der kein Individualist ist. " (Das Leben des Brian)

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