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 Philosophische Lektüre 4
TemporarySilent Offline




Beiträge: 231

08.10.2004 03:02
Kleines nautologisches Ontologikum - Teil 1 antworten

Ihr Lieben,


meine erste Begegnung mit Hans Blumenberg mündete in einem Internetdialog über das Werk "Schiffbruch mit Zuschauer".Warum gerade dieses Werk,das den Untertitel "Paradigma einer Daseinsmetapher" trägt?
Eine mögliche Antwort darauf wäre,dass alles, was sich einer Begrifflichkeit entzieht, so auch die von der Totalität des Lebens, in jeder Kultur in Form von Bildern vermittelt wird.Diese "Arbeit" am Bild dient der Orientierung; in diesem Werk repräsentiert sie das Leben als Seefahrt.
Zu meinem Glück vermochte ich es, Nauplios für eine interaktive Form des Werkstattgespräches zu gewinnen
Der nachstehende Internet-Dialog erörtert fragmentarisch die Kapitel "Seefahrt als Grenzverletzung" (Kap.I)und "Was dem Schiffbrüchigen bleibt"(Kap.II).

Nauplios:

Liebe TemporarySilent! Willkommen zu unserem kleinen Gespräch über Hans Blumenberg! – „Der Mensch führt sein Leben und errichtet seine Institutionen auf dem festen Lande. Die Bewegung seines Daseins im ganzen jedoch sucht er bevorzugt unter der Metaphorik der gewagten Seefahrt zu begreifen.“ – Das sind die ersten beiden Sätze aus Schiffbruch mit Zuschauer; sie werden auch in dem Film über Blumenberg erwähnt. Entscheidend scheint mir die Formulierung „Bewegung seines Daseins im ganzen“ zu sein. Es können mit der Seefahrt-Metapher zwar auch einzelne Momente am Dasein hervorgehoben werden („Untiefen“, „Stürme“ usw.), aber ihre eigentliche Bedeutung liegt darin, daß mit ihr das Leben „im ganzen“ veranschaulicht werden kann – das Leben, das in seinem Er-leben immer nur fragmentarisch erfahren wird: Zwar können wir uns erinnern, aber eben nicht an alles und auf das vollständige Leben können wir zu keinem Zeitpunkt zurückblicken – wenigstens zu keinem in diesem Leben. Die Metapher der Seefahrt ist schon in der Antike belegt. Skeptiker (etwa die pyrrhonische Schule) und Epikureer greifen gleichermaßen auf das Bild „Meeresstille“ des Gemüts zurück. Auch die Stoa kennt den „Wohlfluß des Lebens“ als Definition für eudaimonia. So spricht etwa Cicero in tusculanae disputationes von der „maris tranquillitas“.


TemporarySilent:

Lieber Nauplios , vielen Dank für die Einladung. Der Mensch errichtet seine Institutionen auf dem Lande ( möglichst mit Ausblick auf die Wellen des Meeres, die sich je nach Gezeiten am Ufer brechen).Du betonst Blumenbergs „Bewegung des Daseins im ganzen“. Momentan vermag ich sie lediglich auf die Bewegung des Denkens zu übertragen – nicht weil mein Leben so ereignisarm verläuft, sondern weil sich das Gegenteil dessen eher in psycholog. Kategorien beschreiben lässt. Das Erlebte ist zwar fragmentarisch.. dennoch vermutete ich nicht, dass lediglich Bruchstücke existieren, von denen man am Ende sagt: „Das war mein Leben“... sondern, dass es einen „verborgenen Sinn“ gibt. Insofern ist Blumenbergs Metapher zutreffend.
Verzeihe mir diesen kleinen Exkurs. Meine „maris tanquillitas“ oder das „heading to tranquility base“ ist eher auf einer Mondlandschaft angesiedelt ;-)
Das Vorgestellte, Gestaltete, Seiende, als solches, hat die Form, etwas anders zu sein als das Bewußtsein; ein Begriff aber ist zugleich ein Seiendes - und dieser Unterschied, insofern er an ihm selbst ist, ist sein bestimmter Inhalt -, aber darin, daß dieser Inhalt ein begriffener zugleich ist, bleibt es sich seiner Einheit mit diesem bestimmten und unterschiedenen Seienden unmittelbar bewußt; nicht wie bei der Vorstellung, worin es erst noch besonders sich zu erinnern hat, daß dies seine Vorstellung sei; sondern der Begriff ist mir unmittelbar mein Begriff. Im Denken bin Ich frei, weil ich nicht in einem Andern bin, sondern schlechthin bei mir selbst bleibe, und der Gegenstand, der mir das Wesen ist, in ungetrennter Einheit mein Für-mich-sein ist; und meine Bewegung in Begriffen ist eine Bewegung in mir selbst. - Diese Freiheit des Selbstbewußtseins hat bekanntlich Stoizismus geheißen.

Nauplios:

Für die „Bewegung des Denkens“ gibt es ja – vor allem in der Phänomenologie – auch eine Metapher, die des Bewußtseinsstroms. Der Strom ist eine für das gesamte Bewußtsein grundlegende Struktur; dieses Bild gebraucht Husserl häufig, wenn er über die Formen des inneren Zeitbewußtseins schreibt. Zu jedem Jetzt gehört da ein intentionaler Horizont, nämlich das Nicht-mehr-jetzt und das Noch-nicht-jetzt – in Husserls Terminologie die Retention und die Protention. Blumenberg dagegen schreibt vor dem Hintergrund einer philosophischen Anthropologie; es heißt „der Mensch“ … es geht dabei um das Leben in seiner Gesamtheit; dazu gehört all das, was einem im Leben widerfahren kann, alle Unwägbarkeiten, alle „Untiefen“. – Für das Leben in seiner Totalität bietet sich der Strom nicht an – der ist sozusagen die Leitmetapher für das Bewußtsein – wohl aber die gewagte Seefahrt.


TemporarySilent:

Lieber Nauplios, ich kann mich jetzt nur auf diesen Schiffbruch beziehen. Blumenberg scheint, abgesehen von deiner Lesart der Totalität des Lebens, zu unterscheiden zwischen einem Schiffbruch für den Philosophen und dem Schiffbruch für den Menschen an sich, so z.B. wenn er einen Schiffbruch als „Figur einer philosoph. Ausgangserfahrung“ beschreibt. Ein wenig merkwürdig erscheint auch die Forderung zur Mäßigkeit, jeder möge nur soviel Dinge mit sich führen, die er auch bei einem Schiffbruch retten kann. Im Zweifelsfall kann der Mensch nur das eigene Überleben gewährleisten und ist nicht in der Lage weltliche Besitztümer zu retten. Es sei denn diese werden als „Strandgut“ an das rettende Ufer geschwemmt. Laut Aristipp „weiß der philosoph. Kopf an fremden Gestaden einen Ausweg“. Was geschieht wenn unser schiffbrüchiger Philosoph keine geometrischen Figuren erblickt.???? Ist die Abwesenheit von Geometrie gleichbedeutend mit der Abwesenheit von Zivilisation?
Etwas unverständlich erscheint mir auf Seite 17 die Anmerkung, dass die römische Dichtung (Vergil) mit einem Schiffbruch aufgrund ihrer Höhen und Tiefen verglichen wurde und Blumenberg daraus ableitet, dass „ästhetischer Schiffbruch die Sache des Philosophen“ sei. Inwiefern??? Ich halte es für denkbar, dass sich der Ästhetikbegriff im Laufe der Zeit gewandelt hat. Dennoch ging ich bislang davon aus, dass ein ästhetischer „Schiffbruch“ eine Angelegenheit von Dichtern, Musikern, Bildhauern.. etc. sei. Warum die Betonung auf die Philosophie?
Besteht im Falle unseres gestrandeten Überlebenden, das von „ Außen erreichte Innen“ in den sog. eigenen Fähigkeiten und Anschauungen, sprich in dem, was der Überlebende subjektiv zu leisten vermag fernab jedweder weltlicher Güter? Und was bedeutet dann „den Hafen verlassen“ ,sich der optischen Subjektivität zu überlassen? Spiegelt die vermeintliche Endlosigkeit des Meeres mit ihren verborgenen Untiefen, die Endlosigkeit des Subjekts hinsichtlich der Fähigkeiten wieder?

Der Bezug auf Descartes, das Beibehalten eines „geraden Kurses“ dürfte daran appellieren, sich der Ungewissheit und des Gefahrenpotentials des Lebens bewusst zu sein, und eine Gradlinigkeit hinsichtlich der eigenen Entscheidungen und Vermeidungen zu gewährleisten. (private Sphäre)
Der Bezug auf Montaigne/Attikus, wie der Staat /die Welt seinen/ihren Untergang vermeidet, bleibt nach wie vor ungeklärt, abgesehen von dem Verweis auf „Mäßigung“!!! (öffentliche Sphäre)
Montaigne gibt dem Privaten den Vorzug vor den Angelegenheiten des Staates und führt sich damit in die Rolle des Zuschauers ein.(è Verweis auf die Unnützlichkeit).Sein Menschenbild ist allerdings fernab jedweder positiver Eigenschaften. Es besteht aus „Ehrgeiz und Eifersucht, Neid und Rachgier, Aberglauben, Verzweiflung“. Auch das Mitleid mit dem Schiffbrüchigen ist von einem „bösartigen Wohlbehagen“ gekennzeichnet.
Dementsprechend verwundert es mich nicht, dass er der privaten Sphäre den Vorrang einräumt. In der heutigen Zeit würde er wohl eher dem Bild eines egoistischen Wohlstandsnarzißten entsprechen, der hervorragend in unsere Zeit passt, des „jeder gegen jeden“.
Blumenberg schreibt sehr treffend, dass der Zuschauer aufgrund der "unnützen" Eigenschaft Zuschauer zu sein“ überlebt. „Distanz wird durch Lust belohnt“.

Auf Seite 22 erfolgt dann wieder die Gegenüberstellung des Schiffbrüchigen am Beispiel von Goethe, dessen Farbenlehre scheiterte. Die Betonung des „Selbstbesitzes“ mit dem der Schiffbrüchige „unbeschadet aus dem Untergang“ hervorgeht - das Preisgeben der „verlorenen Kisten und Kasten“.
Einer Lebenstäuschung begegnet man mit der Aufgabe „unwichtigen Beiwerkes“? Das bezweifle ich.
Blumenbergs Verweis auf Nietzsche, dass es keine „Enthaltung des Skeptikers“ gibt, führt zu einer „Dauerbefindlichkeit, Schiffbrüchige zu sein“. Das Betreten des Landes wirkt wie eine Erleichterung,gekennzeichnet von „Erstaunen“ oder als „Abschied vom Umhergetrieben sein“ (Casanova).

Nauplios:

Das sind viele Fragen, TemporarySilent. Ich schlage vor, daß wir uns – bevor wir zu Vergil, Montaigne, Goethe und anderen kommen – noch einmal die Grundidee von Schiffbruch mit Zuschauer vergegenwärtigen. In dem Film von Franz Josef Wetz über Blumenberg hieß es ja eingangs, daß Blumenberg die „großen Fragen“ der Philosophie nicht aufgibt – ganz im Gegensatz etwa zu den „Verabschiedungen“ dieser Fragen durch die postmodernen Philosophien. Das postmoderne Wissen geht ja von einer nicht (mehr) hintergehbaren Pluralität der Wirklichkeit aus, weil es eben keine Einheit erzwingenden Erzählungen mehr gibt; die Wirklichkeit wird nur noch in ihrer Partikularität wahrgenommen. Die großen Einheit und Sinn stiftenden Paradigmen der Moderne wie etwa Vernunft, Geschichte, Fortschritt, Subjekt usw. sind für den Postmodernismus fraglich geworden. Die Geschichte – verstanden als „erzählte“ Geschichte ist an ihr Ende gekommen. Blumenberg würde sich dem vielleicht noch so weit anschließen, daß er diese „großen Erzählungen“ wie „Welt“, „Geschichte“ oder „Leben“ für Fälle hält, welche die Erkenntnismöglichkeiten des begrifflichen Denkens übersteigen (s. den Ausblick auf eine Theorie der Unbegrifflichkeit am Ende von Schiffbruch mit Zuschauer). – Aber dennoch haben diese Paradigmen ein Anregungspotential und das (begrifflich) Unsagbare wird zu einer Angelegenheit für Totalitäts- und Orientierungsvokabeln wie es etwa die Daseinsmetapher des Lebens als Seefahrt ist. Blumenberg spricht in diesem Zusammenhang auch von absoluten Metaphern; in absoluten Metaphern, also in Metaphern, die nicht „ebenso gut“ durch Begriffssprache ersetzt werden können, wird die ungegenständliche Totalität der Wirklichkeit veranschaulicht. Darüber hinaus haben sie die Funktion von Orientierungsmustern, weil zu ihrem Gehalt Wertungen gehören, die bestimmte „Haltungen, Erwartungen, Tätigkeiten und Untätigkeiten, Sehnsüchte und Enttäuschungen, Interessen und Gleichgültigkeiten“ (Paradigmen zur Metaphorologie S. 20) freisetzen. Absolute Metaphern vergegenwärtigen die Totalität der Welt, des Lebens usw. und haben dort ihren Ort, wo das begriffliche Denken nicht weiterkommt; sie sind keine Restbestände, die im Laufe der Wissensentwicklung absorbiert werden durch logische Begriffe, sondern es sind sprachliche Bilder, die zu den Grundbeständen der philosophischen Sprache gehören.
Als „absolute“ sind also diese Metaphern unvermeidlich; ihre eigentliche Deutungs- und Erklärungskraft haben sie allerdings nur so lange sie beim Wort genommen werden. Die über Metaphern reflektierende Metaphorologie baut eine Distanz zu den subtilen Selbstverständlichkeiten auf, welche über Metaphern transportiert werden. Wer Metaphorologie betreibt, beraubt sich der Möglichkeit, in Metaphern Antworten auf jene unbeantwortbaren Fragen zu finden. Metaphorik sieht Blumenberg als „eine authentische Leistungsart der Erfassung von Zusammenhängen“ (Schiffbruch mit Zuschauer; S. 77). Das Ganze der Realität ist für den Menschen nie erfahrbar; Metaphern geben dieser Realität eine Struktur und dienen der Repräsentation eines ansonsten nie erfahrbaren Ganzen. Eine solche Repräsentation leistet zum Beispiel das Welt-Bild des „Organismus“ als Orientierungsidee für Gesellschaft oder die Welt als einziges großes „Theater“ oder eben das Leben als „Seefahrt“.
"Wir sind hier alle Individualisten. " - "Nein, ich nicht, ich bin der einzige, der kein Individualist ist. " (Das Leben des Brian)

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