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Dieses Thema hat 10 Antworten
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 Ludwig Wittgenstein - Philosophische Untersuchungen
Nauplios Offline




Beiträge: 41

09.03.2005 01:29
Wittgenstein zur Einführung antworten

Von Fliegengläsern und Beulen

Ihr Lieben!

Die Philosophien der Neuzeit handeln bisweilen zwar von Triumphen des menschlichen Geistes wie etwa von jenen Rationalitäts- und Aufklärungsgewinnen, welche die "Autonomie des Subjekts" ausmachen oder die Emanzipation von religiösen Bevormundungen; doch auch dort, wo es um die Selbstbehauptung und Freiheit des Menschen geht, bleibt die Philosophie eine Beschreibung von Gefangenschaften. Man kann dabei an den Archetypus dieser Metaphorik denken, an Platos Höhlengleichnis, aber auch an eine ihrer entomologischen Spätausgaben - an Wittgensteins "Fliegenglas": "Was ist dein Ziel in der Philosophie? - Der Fliege den Ausweg aus dem Fliegenglas zeigen" lautet einer der berühmtesten Paragraphen der Philosophischen Untersuchungen (§ 309). Während Heideggers "Denkart" von der Metaphorik zeitlicher Verhältnisse beherrscht ist, favorisiert Wittgenstein die des Raums; schon gleich zu Beginn (§ 18) vergleicht er die Sprache mit einer alten Stadt, mit ihrem "Gewinkel von Gäßchen und Plätzen, alten und neuen Häusern, und Häusern mit Zubauten aus verschiedenen Zeiten". Seine eigene Rolle sieht Wittgenstein analog eines Führers durch diese terra incognita: "Ich versuche, euch auf Reisen durch ein Land zu führen. Ich werde zu zeigen versuchen, daß die philosophischen Schwierigkeiten [...] deshalb entstehen, weil wir uns in einer fremden Stadt befinden und den Weg nicht kennen." ( Vorlesungen über die Grundlagen der Mathematik ; S. 50) - Dieses Bild vom Fremdenführer kennzeichnet Wittgensteins Verfahrensweise auch in den Philosophischen Untersuchungen ; es korrespondiert einem weiteren berühmten Paragraphen (§ 123): "Ein philosophisches Problem hat die Form: `Ich kenne mich nicht aus´."

Im Falle Wittgensteins kommt nun hinzu, daß Gleichnisse nicht nur von Gefangenschaften reden, sondern es auch sind. "Wir haben eben ein Gleichnis gebraucht und nun tyrannisiert uns das Gleichnis. In der Sprache dieses Gleichnisses kann ich mich nicht außerhalb des Gleichnisses bewegen." ( Philosophische Bemerkungen V; § 49). Von hier aus ist es nur noch ein kleiner Schritt zu einem weiteren Theorem, das seine Plausibilität aus den Imaginationen der dominierenden Raummetaphorik bezieht, nämlich aus der Verhexung unseres Verstandes durch die Mittel unserer Sprache und den daraus resultierenden Problemen - den "Beulen, die sich der Verstand beim Anrennen an die Grenze der Sprache geholt hat" ( Philosophische Untersuchungen ; § 119). Ein Hauptgrund, weshalb wir uns "Beulen" holen, ist, "daß wir den Gebrauch unserer Wörter nicht übersehen " ( Philosophische Untersuchungen ; § 122) und Wittgensteins Remedur dagegen ist, daß die Probleme "zum Verschwinden gebracht" werden ( Philosophische Untersuchungen ; § 133), sie also nicht nur gelöst, sondern aufgelöst werden. - Wie dies im einzelnen vorzustellen ist, davon später mehr.


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"Seht ihr den Mond dort stehen? - / Er ist nur halb zu sehen / Und ist doch rund und schön!" (Matthias Claudius) [ein letztlich von Wittgenstein verworfener Mottovorschlag für seine "Philosophischen Untersuchungen".

BlueHorizon Offline




Beiträge: 80

09.03.2005 15:46
#2 RE:Wittgenstein zur Einführung antworten

Dear Sir Nauplios

So we are entering a discussion at an undiscovered land following Wittgenstein through his §§ and hoping to understand how he is developing his analysis.I shall be looking forward to that

In Antwort auf:

Seine eigene Rolle sieht Wittgenstein analog eines Führers durch diese terra incognita: "Ich versuche, euch auf Reisen durch ein Land zu führen. Ich werde zu zeigen versuchen, daß die philosophischen Schwierigkeiten [...] deshalb entstehen, weil wir uns in einer fremden Stadt befinden und den Weg nicht kennen." ( Vorlesungen über die Grundlagen der Mathematik ; S. 50) - Dieses Bild vom Fremdenführer kennzeichnet Wittgensteins Verfahrensweise auch in den Philosophischen Untersuchungen ; es korrespondiert einem weiteren berühmten Paragraphen (§ 123): "Ein philosophisches Problem hat die Form: `Ich kenne mich nicht aus´."

Wittgenstein’s treatment of number words and arithmetic in the Tractatus reflects central features of his early conception of philosophy. In rejecting Frege’s and Russell’s analyses of number, Wittgenstein rejects their respective conceptions of function, object, logical form, generality, sentence and thought. He, thereby, surrenders their shared ideal of the clarity a Begriffsschrift could bring to philosophy. The development of early analytic philosophy thus evinces far less continuity than some readers of Wittgenstein, from Russell and the Vienna positivists to many contemporary readers of the Tractatus, have supposed.

regards

Blue


The existence of truth only becomes an issue when another sort of truth is in question. (R.Rorty)

DunsScotus Offline




Beiträge: 80

10.03.2005 14:20
#3 RE:Wittgenstein zur Einführung antworten

Hallo Nauplios, Blue,

... ich lasse einmal alle "innerphilosophische Bedeutung" Wittgensteinscher Analysemethoden beiseite. Jemand der die Metaphern der "Fremdheit" und der "Stadt" in der Art einsetzt wie Wittgenstein, ist selbst als Stalker, ein Fremder in der Fremde, bei dem Versuch einen Plan zu konstruieren, der insich alles denk- und sagbare gegen das unsagbare und damit undenkbare abgrenzt. Ein Wittgensteinscher Stadtplan enthielte danach lediglich Strassen (Sprache) die gegangen, und Zonen die nicht betreten werden können, auf die nur gezeigt werden kann...

... Das gnostische Bild des gefallenen Engels, der nach dem Fall jegliche Erinnerung an seinen Fall verliert drängt sich mir auf. Er findet sich in der Fremde vor in der Situation "Ich kenne mich nicht aus". "Baumle und falle noch im Dunklen." schreibt der Fähnrich Wittgenstein in sein geheimes Tagebuch am 13 April 1916 während in seiner unmittelbaren Umgebung die Artellerieblitze der Stahlgewitter des 1. Weltkriegs niedergehen...

... in einer "gnostischen Situation" treffen zwei Intuitionen zusammen. Die Intuition des "drinnen-seins" (hedeggerisch des in-der-Welt-seins)und die Intuition des "fremd-seins". Das "(d)innen-sein" wird charakterisiert als die Unmöglichkeit der Aussenperspektive auf diese Perspektivität selbst.(s. Tractatus 5.6.-5.6331 u.f.) Die Intuition des "fremd-seins" zeigt sich dadurch das ich dennoch mit der Anschauung lebe die Welt in ihrem "DA" als geschlossenen Bezirk ohne Subjektivität, also auch ohne mich als Betrachter zu sehen. (s. Tractatus 6.44 + 6.45)...

tschüss

ps. wenn ich in der Form schreibe ...x..., ...x..., usw. will ich nur andeuten, das sich hier bei mir Gedanken wie Nebelfelder lichten.

BlueHorizon Offline




Beiträge: 80

12.03.2005 06:34
#4 RE:Wittgenstein zur Einführung antworten

Good evening Sir Nauplios, hi ya Duns

In Antwort auf:
Ein Wittgensteinscher Stadtplan enthielte danach lediglich Strassen (Sprache) die gegangen, und Zonen die nicht betreten werden können, auf die nur gezeigt werden kann...

I might subscribe to your point of view. Actually it looks a bit like a maze of streets with some dead zones in between.

regards

Blue
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DunsScotus Offline




Beiträge: 80

12.03.2005 11:22
#5 RE:Wittgenstein zur Einführung antworten

Hi Blue,

do you know the russian filmmaker Andreij Tarkovskij and his film "Stalker"?

A scientist and a writer,

on his way into "the zone",


in surch of a secret Room where all their individual convenience are fullfilled.
.
The clou is, when he arrived this room, they fall into a great fear
and nobody of them enter this room. (See also Derek Jarmans Film "Wittgenstein")

I think that the Wittgenstein of the Tractatus has an tremendous religious grounding.
You can imaging this when your read L.W´s secret diary.
He wrote this partially in mirror writing parallel to the Tractatus.

so long
Duns

BlueHorizon Offline




Beiträge: 80

14.03.2005 16:19
#6 RE:Wittgenstein zur Einführung antworten


Hiya, Duns,

I am addicted to Solaris .But I admire Tarkovskij´s special way of arranging pictures (isn´t it
merely post-modern?)Btw. the pics of Stalker are cool
Presumably you can name the religious essence of Wittgenstein.I haven´t read his diary yet.
But there must have been a certain sense to it.Can you put it more precise, please?


regards

Blue
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Nauplios Offline




Beiträge: 41

15.03.2005 00:39
#7 RE:Wittgenstein zur Einführung antworten

Vom Schachspiel und vom Sprachspiel

Ihr Lieben!

Im Juni 1930 tagt wieder einmal der Wiener Kreis. Man trifft sich im Haus von Moritz Schlick und auch Wittgenstein ist zugegen als es um den Formalismus in der Mathematik geht. Die Aufzeichnungen von Friedrich Waismann über dieses Gespräch geben eine Passage von Wittgenstein wieder, die ich in voller Länge hier wiedergebe:

"Etwas am Formalismus ist richtig und etwas ist falsch. Die Wahrheit am Formalismus ist die, daß sich jede Syntax als ein System von Spielregeln auffassen läßt. Ich habe darüber nachgedacht, was Weyl wohl meinen kann, wenn er sagt, der Formalist fasse die Axiome der Mathematik wie die Regeln des Schachspiels auf. Ich möchte sagen: Nicht nur die Axiome der Mathematik, sondern alle Syntax ist willkürlich. - Man hat mich in Cambridge gefragt, ob ich denn glaube, daß es die Mathematik mit den Tintenstrichen auf dem Papier zu tun habe. Darauf antwortete ich: In genau demselben Sinn, wie es das Schachspiel mit den Holzfiguren zu tun hat. Das Schachspiel besteht nämlich nicht darin, daß ich Holzfiguren auf Holz herumschiebe. Wenn ich sage: >Jetzt werde ich mir eine Königin anschaffen mit ganz furchtbaren Augen, die wird alles aus dem Feld schlagen<, so werden Sie lachen. Es ist egal, wie ein Bauer aussieht. Es ist vielmehr so, daß die Gesamtheit der Spielregeln den logischen Ort des Bauern ergibt. Der Bauer ist eine Variable, so wie das >x< in der Logik ... Wenn man mich nun fragt: Wodurch unterscheidet sich die Syntax einer Sprache vom Schachspiel? So antworte ich: Durch ihre Anwendung und nur durch diese ... Wenn es Menschen auf dem Mars gäbe und sie so Krieg miteinander führten wie die Figuren auf dem Schachfeld, dann würde der Generalstab die Regeln des Schachspiels zum Prophezeien benutzen. Es wäre dann eine wissenschaftliche Frage, ob sich der König bei einer bestimmten Spielkonstellation mattsetzen läßt, ob er sich in drei Zügen mattsetzen läßt usw." (Ludwig Wittgenstein und der Wiener Kreis. Aufzeichnungen von Friedrich Waismann. In: L. Wittgenstein; Schriften 3; Frankf. 1967, S. 103f)

Dieser Vergleich der Sprache mit einem Schachspiel findet sich bei Wittgenstein in den folgenden Jahren immer wieder; zum Beispiel in der Philosophischen Grammatik (1933/34) oder eben auch in den Philosophischen Untersuchungen . Das Zeichen vertritt diesem Vergleich zufolge nicht substantiell einen Gegenstand und es kann auch nicht nur auf die Funktion eines sinnlich wahrnehmbaren Gebildes reduziert werden, sondern so wie der Bauer im Schachspiel nicht Zeichen für oder von etwas ist und seine Funktion und damit seine Bedeutung vielmehr durch die gesamten Regeln des Schachspiels bekommt, so ist gleichsam die Bedeutung eines sprachlichen Zeichens die Gesamtheit der Regeln, die für seinen Gebrauch gelten. In der Philosophischen Untersuchung 108 heißt es: "Die Frage >Was ist eigentlich ein Wort?< ist analog der >Was ist eine Schachfigur?<". Die Überwindung des abstrakten, "metaphysischen" Denkens, die Wittgenstein verfolgt, wird durch solche Vergleiche mit Spielen vorangetrieben - in der Untersuchung 66 ist gar die Rede von "Brettspielen, Kartenspielen, Ballspielen, Kampfspielen usw. - und gipfelt schließlich in einer für Wittgensteins gesamtes Denken typischen Maxime: "Denk nicht, sondern schau!" ( Philosophische Untersuchungen ; 66)- Die Sprache ist ein Spiel, das aber nicht überall von Regeln begrenzt ist; eben deshalb funktioniert sie so gut ... wie etwa das Tennis, wo es ebenfalls keine Regeln gibt, "wie hoch man den Ball werfen darf, oder wie stark ..." (PU 68). Der Begriff Spiel hat also den Vorteil, daß er gerade nicht exakt definiert ist, sondern ein "Begriff mit verschwommenen Rändern", ein unscharfes Photo, "oft gerade das, was wir brauchen". (PU 71) - Damit fällt auch die Idee einer bis auf Aristoteles zurückgehenden repräsentativen Zeichentheorie: Eine Bedeutung eines Satzes getrennt von seiner Verwendung gibt es nämlich für Wittgenstein auf dem Hintergrund der Spielmetapher nicht mehr. "Es gibt keinen alleinstehenden Satz. Denn was ich Satz nenne ist eine Spielstellung in einer Sprache." ( Philosophische Grammatik ; 172)

Der Vergleich zum Spiel ist nichts Beliebiges; Wittgenstein will damit einen ganz bestimmten Sinn verdeutlichen, wie man die philosophischen Begriffe "Bedeutung", "Satz", "Sprache" ... aufzufassen hat. Wenn es nämlich darum geht, die Bedeutung eines sprachlichen Ausdrucks zu verstehen, kommt es darauf an, den Kontext der Äußerung in Rechnung zu stellen. Der Begriff "Sprachspiel" soll nicht nur die Wichtigkeit des Äußerungskontextes unterstreichen, sondern darüber hinaus auch noch andere Funktionen ins rechte Licht rücken - etwa die nichtsprachlichen Äußerungsumstände oder auch den Lernaspekt der Sprache. Eine der frühesten Umschreibungen, was eigentlich mit Sprachspiel gemeint ist, steht im sog. Blauen Buch ; dort heißt es, Sprachspiele seien "einfachere Verfahren zum Gebrauch von Zeichen als jene, nach denen wir Zeichen in unserer äußerst komplizierten Alltagssprache gebrauchen. Sprachspiele sind die Sprachformen, mit denen ein Kind anfängt, von Wörtern Gebrauch zu machen. Das Studium von Sprachspielen ist das Studium primitiver Sprachformen oder primitiver Sprachen." ( Blaues Buch ; 37). Philosophisch entscheidend aber ist am Sprachspiel eigentlich noch etwas ganz anderes, denn der Vergleich der Sprache bzw. der Grammatik der Sprache mit einem Spiel hat neben dem "theoretischen" noch einen "genetischen" Sinn, der allem Philosophieren über Begriffe und ihrem Wesen vorhergeht: "Ja so, wie die Grammatik einer Sprache erst aufgezeichnet wird und erst in die Existenz tritt, wenn die Sprache schon lange von den Menschen gesprochen worden ist, werden primitive Spiele auch gespielt, ohne daß ihr Regelverzeichnis angelegt wäre, ja wohl auch, ohne daß eine einzige Regel dafür formuliert wäre." ( Philosophische Grammatik ; 62). Der Sprachspielbegriff entstammt also keiner "Wesens"-Einsicht, sondern ist eine bewußte "Setzung", womit Wittgenstein dem essentialistischen Denken entgehen will: "Wir aber betrachten die Spiele und die Sprache unter dem Gesichtspunkt eines Spiels, das nach Regeln vor sich geht, d.h. wir vergleichen die Sprache immer mit so einem Vorgang." ( Philosophische Grammatik; 63)

Weiteres zum Begriff des Sprachspiels bei Wittgenstein ein andermal ...

Liebe Grüße

Nauplios
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"Seht ihr den Mond dort stehen? - / Er ist nur halb zu sehen / Und ist doch rund und schön!" (Matthias Claudius) [ein letztlich von Wittgenstein verworfener Mottovorschlag für seine "Philosophischen Untersuchungen".

TemporarySilent Offline




Beiträge: 231

15.03.2005 19:13
#8 RE:Wittgenstein zur Einführung antworten


Lieber Nauplios

Das Medium der Philosophie ist die Sprache,in der die Gedankengebäude der Philosophen sprachlich vermittelt werden.Aus diesem Anlass freue ich mich über die sprachliche Verspieltheit deines Approaches hinsichtlich des Wiener Kreises und der Wittgensteinschen Analysen sowie über deine Bereitschaft,das Wittgensteinsche Sprachgebäude einer größeren Internetöffentlichkeit zugänglich zu machen
Gespannt harre ich der Dinge (Entitäten?),die da noch kommen werden.
Eine nicht zu ignoriende Realität meiner Online-Kommunikation scheint darin zu bestehen, dass philosophische Gedankengebäude desöfteren kritisiert werden.Die Basis der verbalen Kritik ist hierbei wieder der Gedanke, das, was der Kritisierende meint bzw. denkt und nun sprachlich zum Ausdruck bringt. Wenn ein bestimmter Gedankengang kritisiert wird, so wird bezug genommen auf einen oder mehrere Sätze, die wiederum Ausdruck eines oder mehrerer Gedanken sind. Der Kritisierte wiederum bezieht sich in seiner Reaktion ebenfalls auf einen oder mehrere Sätze, die Ausdruck des bzw. der Gedanken des Kritikers sind
So folgt in einer Diskussion "Satz auf Satz" als wechselseitiger Ausdruck der Gedanken, wobei die jeweiligen Bezugspunkte der Akteure sprachliche Ausdrücke sind; seien es die eigenen oder die des Gegenübers.
Stillschweigende Voraussetzung hierbei ist, dass die Wörter bestimmte Dinge oder besser noch bestimmte Entitäten vertreten. Ein Wort referiert auf etwas - es hat einen bestimmten Bezug zu einer bestimmten Entität. Dies ist relativ einsichtig, wenn der Gegenstand, für den ein Wort steht, anwesend ist. Man könnte bestenfalls einen Zettel nehmen, ihn mit einem bestimmten Wort beschriften und dann dem Gegenstand anheften.
So schreibt Wittgenstein:

„Am direktesten ist das Wort »bezeichnen« vielleicht da angewandt, wo das Zeichen auf dem Gegenstand steht, den es bezeichnet. [...] Es wird sich oft nützlich erweisen, wenn wir uns beim Philosophieren sagen: Etwas benennen, das ist etwas ähnliches, wie einem Ding ein Namenstäfelchen anheften"
(Wittgenstein, Ludwig: Philosophische Untersuchungen. In: Ludwig Wittgenstein.Werkausgabe Bd. 1. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1984. S. 225-589. Hier § 15).

Die Frage,die sich mir aufdrängt, lautet: Wie ist Erkenntnis möglich ,wenn die Gegenstände oder Entitäten, über die gesprochen wird, nicht zugegen sind?

Das Problem der Homonymität von Wörtern beispielsweise kann zu großen Missverständnissen führen. Zwei Personen benutzen dasselbe Wort, meinen aber verschiedene Dinge; und bis diese Differenz augenfällig wird können viele Missverständnisse eingetreten sein. Der Versuch der Beseitigung des Missverständnisses wird fast immer auf sprachlichem Wege stattfinden in der Hoffnung, dass weitere Missverständnisse ausbleiben (den 4-fachen Gebrauch von "Missverständnis" bitte ich mir nachzusehen )

Anlass zu Diskussionen bildet dann eine Klasse von Wörtern, die das Problem mit sich führen, dass sie auf keine zumindest mit den menschlichen Sinnesorganen wahrnehmbare Entitäten verweisen. Und doch scheint eine Setzung sprachlicher Art zu erfolgen:Es gibt eine Entität, auf die dieses Wort bzw. diese Wörter verweisen. Das "Nichts", das "Etwas", "Gott", die "Seele", die "Unsterblichkeit", der "Geist", das "Böse" und das "Gute": diese Wörter verweisen auf eine bestimmte Entität, die sich anscheinend unserer sinnlichen Wahrnehmung entzieht. Soweit ich in den PU´s mit dem Lesen fortgeschritten binkönnen diese Worte nur (noch?) sprachlich erklärt werden.Auf alle Weise also wird davon ausgegangen, dass Wörter eine Bedeutung haben, selbst wenn sich keine Gegenstände vorweisen lassen, auf die sie sich beziehen; es gibt das Nichts, denn es gibt das Wort `Nichts´. Nur, was genau das "Nichts" ist, darüber bin ich mir nicht im Klaren.

Liebe Grüße
Temp=)


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A brave man once requested me
to answer questions that are key
is it to be or not to be
and I replied:"so why ask me?"
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NietzscheIsDead Offline




Beiträge: 119

19.03.2005 11:58
#9 RE:Wittgenstein zur Einführung antworten


Dearest Temp

So you are questioning deeply the meaning of "Nichts" from a linguistical point of view .

In Antwort auf:

Anlass zu Diskussionen bildet dann eine Klasse von Wörtern, die das Problem mit sich führen, dass sie auf keine zumindest mit den menschlichen Sinnesorganen wahrnehmbare Entitäten verweisen. Und doch scheint eine Setzung sprachlicher Art zu erfolgen:Es gibt eine Entität, auf die dieses Wort bzw. diese Wörter verweisen. Das "Nichts", das "Etwas", "Gott", die "Seele", die "Unsterblichkeit", der "Geist", das "Böse" und das "Gute": diese Wörter verweisen auf eine bestimmte Entität, die sich anscheinend unserer sinnlichen Wahrnehmung entzieht. Soweit ich in den PU´s mit dem Lesen fortgeschritten binkönnen diese Worte nur (noch?) sprachlich erklärt werden.Auf alle Weise also wird davon ausgegangen, dass Wörter eine Bedeutung haben, selbst wenn sich keine Gegenstände vorweisen lassen, auf die sie sich beziehen; es gibt das Nichts, denn es gibt das Wort `Nichts´. Nur, was genau das "Nichts" ist, darüber bin ich mir nicht im Klaren.


Actually it would be more appropriate turning your question to the point what do you consider to be the most important questions of metaphysics
According to Heidegger in his Introduction to Metaphysics (1953) the first question is: "Why are there things that are, rather than nothing?" Heidegger means 'first' in a metaphysical sense not a chronological sense; he thinks that this is the most underlying of all questions. This is not just his idea, it comes from (his interpretation of) Aristotle. All our answers to every other philosophical question presuppose the way in which we have resolved the Seinsfrage (question of the Being of beings). The question of being is the most important question of metaphysics.


Wittgenstein traces out a project that bears some striking family resemblances to Gertrude Stein's insistently grammatical investigations of poetry and prose. The works of both writers are informed by a fundamental question: What is it in language that has the power to make us?

[Tractatus Logico-Philosophicus 4.5]: The general form of propositions [Die allgemeine Form des Satzes] is: "This is how things are" [Es verhaelt sich so und so]--That is the kind of proposition [ein Satz] that one repeats to oneself countless times. One thinks that one is tracing the outline of the thing's nature over and over again, and one is merely tracing round the frame through which we look at it. [114]

What Wittgenstein discovers in the process of tracing round the borders or frame of philosophy is, as the paragraph immediately following indicates, a sense of entrapment: "A 'picture' held us captive [Ein 'Bild' hielt uns gefangen]. And we could not get outside it, for it lay in our language and seemed to repeat it to us inexorably" [115]. In attempting to get at the ways in which the picture offered by the language of philosophy makes us captive, and thus begin to open onto the possibility of sketching an alternative picture that would "bring words back from their metaphysical to their everyday use"

kotl

NID



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"Is not all life the struggle of experience, naked, unarmed, timid but immortal, against generalised thought?" (W.B.Yeats)

Nauplios Offline




Beiträge: 41

19.03.2005 19:31
#10 RE:Wittgenstein zur Einführung antworten

In Antwort auf:
deine Bereitschaft,das Wittgensteinsche Sprachgebäude einer größeren Internetöffentlichkeit zugänglich zu machen

Liebe TemporarySilent!

Das ist sehr lieb gemeint von Dir - - , aber ich leiste hier natürlich keine Pionierarbeit ; Wittgenstein ist ja seit Jahrzehnten als einer der bedeutendsten Philosophen bekannt - wohl auch im Internet - ; da braucht es meine bescheidenen Beiträge nicht ...

Du schreibst:


In Antwort auf:
Das Medium der Philosophie ist die Sprache,in der die Gedankengebäude der Philosophen sprachlich vermittelt werden.

Aber ist das wirklich so? Oder genauer gefragt: Ist das die Auffassung Wittgensteins? - Es sieht ja zunächst einmal so aus, als sei die Sprache ein Medium, das es uns erlaubt, Gedanken (bzw. Gedankengebäude), Urteile, Wünsche usw. auszudrücken und über etwas zu kommunizieren, was dem Sprecher (und infolge des Sprechens dann auch dem Hörer) auf irgendeine Weise präsent ist, was vor seinem geistigen Auge steht oder was er "meint". Sprachliche Zeichen bringen in ihrer Verknüpfung mit Ideen oder Begriffen etwas zum Ausdruck, z. B. Gedanken, welche nach dieser Vorstellung ihrem Ausgedrücktwerden bzw. Mitgeteiltwerden vorausgehen . Das Verstehen einer sprachlichen Äußerung ist dann das - mehr oder weniger richtige - Erfassen dessen, was ein anderer mit dieser Äußerung gemeint hat. Die Sprachzeichen selber (Laute oder im Falle der Schrift graphische Symbole) sind dann eigentlich "tote" Objekte, denen ihr "Leben", d.h. ihre "Bedeutsamkeit" durch einen geistigen Akt des Meinens eingehaucht wird. Der Sprecher meint mit seiner Äußerung etwas und versucht nun, einen korrespondierenden Akt der "Auffassung" beim Hörer hervorzurufen; gelingt das, "meinen" beide dasselbe. Beide "beziehen" sich dann auf etwas, was - beispielsweise als Gedanke - dem sprachlichen Ausdruck vorhergeht. Husserl spricht ja in diesem Zusammenhang von den "bedeutungsverleihenden Akten". Durch solche Akte des Meinens werden die geäußerten Laute dann zum Ausdruck eines Gedankens, eines Wunsches, einer Absicht usw. - Husserls Kritik an den Sprachtheorien der britischen Empiristen läuft darauf hinaus, daß die "Aktcharaktere" des "Meinens" und "Bedeutens" etwas irreduzibel Einzigartiges sind, nämlich geistige Aktcharaktere, "hinter denen man schlechterdings nichts suchen darf, was anderes wäre und anderes sein könnte als eben Meinen, Bedeuten." (E. Husserl; Logische Untersuchungen ; Zweiter Band, S. 182) - Indem also tote Natur (Laut- und Schriftzeichen) und lebendiger Geist zusammentreffen, entstehen bedeutsame sprachliche Zeichen. Bei Husserl sind es spezifische "Bedeutungsintentionen", die den rein physikalischen Zeichen Leben verleihen. Ich will die typischen Verlegenheiten dieses Intentionalismus hier nicht weiter verfolgen, sondern nur noch darauf hinweisen, daß es ja - folgt man dieser Auffassung von Sprache - dann immer noch nicht geklärt ist, wie es eigentlich zu Vereinbarungen darüber kommt, mit welchen Zeichen was bezeichnet (bzw. bedeutet) werden soll.

Dieses Bild der Sprache als ein "Medium", in dem etwas ausgedrückt wird - "zur Sprache kommt" - ist tief in der philosophischen Tradition verankert und erst Frege und nach ihm Wittgenstein und die daran anknüpfende analytische Philosophie haben dieses Bild nachhaltig in Frage gestellt. "Einen Satz verstehen, heißt, wissen was der Fall ist, wenn er wahr ist" schreibt Wittgenstein im Tractatus (4.023) Damit wird die Bedeutung eines Satzes nicht mehr nach dem oben angeführten "Gegenstandsmodell" verstanden; sondern die Sprache ist etwas wesentlich Öffentliches, Intersubjektives: Die "innerlichen" bzw. "geistigen" Akte des Meinens und Bedeutens setzen eine öffentliche, intersubjektive Sprachpraxis immer schon voraus, so daß die Verhältnisse sich jetzt gleichsam umkehren: Erst im Vollzug des Hineinwachsens in eine öffentliche Sprachpraxis wird es den einzelnen Subjekten möglich, überhaupt etwas zu denken, zu beabsichtigen und mit Sprachzeichen etwas zu meinen. Genau genommen ist sogar ihre Subjektwerdung erst möglich durch dieses Hineinwachsen in eine öffentliche Sprachpraxis. Von Descartes bis Husserl wurde das Erkenntnissubjekt als eine Instanz vor der Sprache gedacht und deshalb war es auch dieses Subjekt, das die toten Zeichen zum Leben erweckte; mit Wittgenstein wird es zu einem Subjekt erst dann, wenn es in eine sprachlich erschlossene gemeinsame Welt hineinwächst.

Soweit erst einmal für heute.

Liebe Grüße

Nauplios
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BlueHorizon Offline




Beiträge: 80

20.05.2005 22:16
#11 RE:Wittgenstein zur Einführung antworten

In Antwort auf:


Wittgenstein traces out a project that bears some striking family resemblances to Gertrude Stein's insistently grammatical investigations of poetry and prose. The works of both writers are informed by a fundamental question: What is it in language that has the power to make us?


Dear NID, Nauplios & Temp
David Gooding (University of Bath) notes that “the Tractatus was modelled on Hertz’ Principles of Mechanics. Hertz believed that his book would be a full and final statement of the principles of mechanics; Wittgenstein thought that Frege, Russel and Whithead had done the same for mathematics and that he would do the same for language.”

The rich and extensive use of metaphor suggests that emotional resonance and association to a commonly understood situation can be employed to trigger what, to the author of the description, is his “accurate” emotional response to a piece of music. Communication, in this case, will depend mostly upon our shared humanity, sometimes upon our personal experiences but, unlike computers, little upon any referential semantics.
The implications of such observations on the communication of internal experience are radical. They have led us to take Wittgenstein’s Tractatus [Wittgenstein 1921] as a paradigmatic description of the current state of computer science. We can take this step because the Church-Turing Thesis shows that the Turing Machine (the classical computer) is equivalent to Lambda calculus and recursive functions. Lambda calculus and recursive functions together form the description of a functional programming language (e.g. ML). Such a functional language embodies Wittgenstein’s Tractatus. This early work encapsulated a formal and logical representational schema into a descriptive form that was based upon denotational (or referential) semantics. In this case, the referents (the objects) have some logically strange properties. Objects must be:

• independent in that they can freely combine to form “states of affairs” that can be described
• atomic in that there are no smaller constituents (T2.02, T2.021)
• in all possible worlds
• immaterial
• indescribable except by their behaviour (form)
• self governed in that they have their own internal rules of behaviour

These referents (objects) are intended to be more than just elements of description; they form the real world. From these referents, the full force of logic, predicate and propositional calculus retains stability of meaning and sense. Such a stance results in the position that everything is potentially unambiguously describable.
introduce here the idea of a ‘rational’ set3. A ‘rational’ set is a set where there is a finite set of rules that can include unambiguously any member of that set and unambiguously excludes any non-member of that set (see also the definition of irrational sets – section Paradigm Leap). It should be noted that all the sets referenced by the Tractatus are rational where set membership is always specifiable and context independent or has an explicit context that is also rational.
The Tractatus provides an extensive model of computer languages. The argument is that names (in practice signs; the visible part of an expression or name) in propositions do not always refer to primitive objects but are themselves referencing propositions and further discussed in P43-60 [Wittgenstein 1953] ). These, in turn, are complexes that finally end up as compound statements whose ultimate referent is the bit. Here the bit is the mechanical equivalent of Wittgenstein’s referent objects. The bit, if taken as a detectable distinction, has all the strange properties of Wittgenstein’s object. Further, it is at the bit that the program links to the world and has meaning. It is this meaning that allows the program to have “sense” with respect to the computer. This formal semantics and the ability for programmers to create procedures and sub-routines (sub-propositions or expressions) is the primary characteristic of all high level and assembler programming languages.


regards

Blue


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