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Dieses Thema hat 1 Antworten
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 Literatur und Poesie
Nauplios Offline




Beiträge: 41

15.05.2005 21:23
Homerische Götter antworten

Die Beziehung des Menschen zu den Göttern - vor allem zu einem Gott - wird für uns Modernen durch den Begriff des Glaubens getragen. Auch hier liegt eine Unterscheidung vor (vgl. zum Thema "Unterscheidung" die Diskussion hier: http://215493.homepagemodules.de/t503726...radition_4.html), nämlich zwischen Glauben und Unglauben. Wo es ein credo gibt, gibt es auch einen falschen, ketzerischen Glauben. Glaube in diesem Sinne ist immer gebunden an ein Dogma. Man darf mit Recht daran zweifeln, daß die Griechen der homerischen Zeit überhaupt so etwas dogmengebundenen Glauben hatten. Bei Homer sind die Götter so natürlich so natürlich, so selbstverständlich, daß noch Herodot, als er Ägypten besuchte und dort in Kontakt mit einheimischen Götterkulten kam, diese Götter gleichsam ins Griechische "übersetzte". So wurde aus Bupastis eben Artemis, aus Horos Apoll und aus Osiris kurzerhand Dionysos. Den Göttern der "Barbaren" (Nicht-Griechen), die sich nicht ins Griechische übersetzen lassen, wird lapidar bescheinigt, daß sie eben besonders "barbarisch" seien ... - Die Griechen selbst haben ja ihre Götter in verschiedenen Gestalten und unter verschiedenen Namen verehrt. Die Artemis von Ephesos beispielsweise sieht anders aus als die Jägerin von Sparta:

Die Götter der Griechen gehören zur natürlichen Ordnung der Welt; wie soll es überhaupt andere Götter geben als die, von denen man auf solch natürliche Art "weiß"? - Und was bedeutete eigentlich die Anklage der "Gottlosigkeit" (asebeia) gegen Sokrates? In der Anklageschrift gegen Sokrates heißt es, Sokrates ist ein Verbecher, weil er nicht an die Götter glaubt, sondern andere Dämonen einführen will. Das Wort "glauben" ist die Übersetzung von "nomizein" (für die Altphilologen unseres Griechischkurs´: Das Wort kommt in Lektion 5 vor ); aber eigentlich steckt in diesem "nomizein" das Für-Wahr-Halten, eben die Existenz der Götter für wahr halten. Sokrates spricht ja von seinem "daimonion", seiner "inneren Stimme" und das wird ihm in dieser Anklage vorgeworfen. Er wird also nicht als Ketzer oder Häretiker bezeichnet, sondern als Gottesleugner. Erst um die Mitte des 5. Jahrhunderts wird der Gedanke langsam salonfähig, die Götter könnten vielleicht nicht existieren (bei dem Sophisten Protagoras). Das griechische "nomizein" hat den erweiterten Sinn von: wert halten, achten; "nomisma" bezeichnet das, was Wert hat. (Unser Wort "Numismatik" ist davon abgeleitet.) - Folgt man Winckelmann und Goethe, könnte man meinen, die olympischen Götter seien bloße Ausgeburten eines heiter spielenden Geistes; aber nach der griechischen Vorstellung (etwa bei Homer) sind die Götter selbst der Ordnung des Kosmos unterworfen. Deshalb gibt es auch nicht so etwas wie eine Schöpfungsgeschichte. Bei Homer greifen die Götter zwar oft in das irdische Treiben ein, aber sie tun dies fast schon nach den Gesetzen einer "höheren" Ordnung. Das höhere Leben der Götter gibt dem irdischen Dasein seinen Sinn. Das Innere des Menschen ist das sozusagen das Göttliche in den Menschen hineingenommen. In einem Gespräch mit Riemer drückt Goethe das in umgekehrter Richtung so aus: "Was der Mensch als Gott verehrt, ist sein eigenstes Innere herausgekehrt".

Der homerische Mensch steht frei vor seinem Gott. Er duckt und fügt sich zwar gelegentlich - aber nicht immer. Manchmal steht er auch mutig den Ressentiments eines Gottes gegenüber (etwa Odysseus gegen Poseidon). Ganz anders als die hebräische Gottheit sind die griechischen Gottheiten "rheia zoontes", Leichtlebende, weil ihnen das Dunkle und Unvollkommene ihnen fehlt - sie sind nicht für den Tod zuständig.


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"Seht ihr den Mond dort stehen? - / Er ist nur halb zu sehen / Und ist doch rund und schön!" (Matthias Claudius) [ein letztlich von Wittgenstein verworfener Mottovorschlag für seine "Philosophischen Untersuchungen".

BlueHorizon Offline




Beiträge: 80

20.05.2005 22:56
#2 RE:Homerische Götter antworten


In Antwort auf:

Glaube in diesem Sinne ist immer gebunden an ein Dogma. Man darf mit Recht daran zweifeln, daß die Griechen der homerischen Zeit überhaupt so etwas dogmengebundenen Glauben hatten. Bei Homer sind die Götter so natürlich so natürlich, so selbstverständlich, daß noch Herodot, als er Ägypten besuchte und dort in Kontakt mit einheimischen Götterkulten kam, diese Götter gleichsam ins Griechische "übersetzte".

Dear Nauplios,
It has been noted that the Greeks were concerned with absolutes, with primary causes and abstract notions of 'form' that previous thinkers had simply not considered. As Guthrie states, “The Egyptian and Mesopotamian peoples ... felt no interest in knowledge for its own sake, but only in so far as it served a practical purpose” [Guthrie, WKC (1978), The earlier Presocratics and the Pythagoreans, CUP, Cambridge.]
It was the Greeks 'fundamentally different way of looking at the world that was to be the gateway to philosophy. Philosophy did not however, come into being of its own accord. It could be argued that the
underlying philosophy of a 'first cause' was existent and moreover intentional in the early myths of Orpheus. Athenagoras claims that “Orpheus was the first theologian”[Athenagoras; Orpheus fragment 13 in Freeman: 3Freeman, K (1996), Ancilla to the Pre-Socratic Philosophers, Harvard, USA,]but it is worthy of note that even then, Orpheus is attributed with making claims about the first elements, Water and Earth, and there is a strong suggestion of the elemental nature of the divinities. Damascius makes reference to the theology of Orpheus, and from this we see that it was centred on Time, Necessity, Chaos, Aether and a host of other deified elements. The overriding factor in this, however, is the fact that deity had a definite presence. If theological myth evolved as a way of transmitting philosophical thought, it seems at worst pointlessly cryptographic, and at best inefficiently executed. There is however a discernible evolution of Greek thought, whose roots in Orphic theogyny continue with Homer's myths, in which the gods have ultimate power over humans, though rarely directly exercised. It is debatable whether Homer's view is typical of early Mycenean Greece, or whether it was a reflection of the 'Dark Age' of Greek history. In the case of Homer, Kirk & Raven clearly believe there to be at best limited philosophical merit, as they state “almost nothing in Homer ... can reasonably be construed as specifically cosmogonical or cosmological”.[Kirk & Raven (1960), The Presocratic Philosophers, CUP, Cambridge]
In either case, both Orpheus and Homer clearly highlight the importance of the gods in Greek culture from an early date. The significance of this, if one does not assume an intentional philosophical meaning, only becomes clear when considering that the religious explanation would seem by far the most natural and probable, in comparison to the later philosophical view of the world.

regards,

Blue


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The existence of truth only becomes an issue when another sort of truth is in question. (R.Rorty)

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