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 RE:Naturalismus am Beispiel Gerhart Hauptmanns

Hallo TON,


Die Natur kommt der Artikulation unserer Gefühle mannigfach entgegen. Indessen ist sie nicht die Artikulation der Gefühle. Die Natur ist nicht das objektive Alphabet der Emotionen, aus ihr herauszulesen wie aus einem Buch, wie es die librum-naturae- Tradition nahelegte. Vielmehr scheint es so zu sein, daß die Artikulation der Gefühle uns auch, wenn nicht besonders deswegen gelungen ist, weil die unbegrenzte Vielheit der Naturkorrespondenzen uns zur sukzessiven, also historischen Differenzierung und Versprachlichung unserer Gefühle verholfen hat. Das heißt: im geschichtlichen Prozeß der Vermannigfaltigung von Naturkorrespondenzen erkennen wir zugleich den Prozeß der kulturellen Ausdifferenzierung der Gefühle, Stimmungen, Atmosphären, Befindlichkeiten. In dieser Weise kann man davon sprechen, daß auf dieser Erde, unterschieden nicht nur nach den Kulturen, sondern auch nach Dingformationen, Landstrichen, Klimata, ein unsichtbares Netz von Korrespondenzen zwischen Gefühlen und Natur entwickelt worden ist. Darin ist eine ganz andere Einsicht in die "Natur unserer Gefühle" aufbewahrt, als die anthropozentrische Seelen- Psychologie sich träumen läßt. Wenn Meyer-Abich von der Kultur als menschlichem Beitrag zur Naturgeschichte spricht, so darf man hier wohl umgekehrt sagen, daß die Natur immer schon,kraft der Korrespondenzen, die ihr eignen, einen unschätzbaren Beitrag zur Kulturgeschichte, hier zur Differenzierung der Gefühle geleistet hat. Doch, wohlbemerkt: dies ist so, ohne daß die Natur ein Subjekt sein müßte, welches "beiträgt" oder "etwas leistet" -: es sei denn durch nichts als durch die stummen Korrespondenzen, die sie dem Menschen - nicht bietet, sondern sein kann. Dieses Sein-Können korresponsiver Natur wird kulturgeschichtlich freigelegt - doch nicht ohne Rückkoppelung und Voraussetzung eines fundamentum in re.
Fragen wir danach, wie das möglich ist, so ist die Antwort einfach - man hat sie gleichsam nur vergessen. Der Mensch ist Lebewesen aus und in der Natur. Er hat sich nicht aus sich selbst. Der Mensch zeugt, nach
Aristoteles, den Menschen - und so gewiß dies wahr ist, so auch, daß er dies nur kann, weil er darin sich als Lebewesen (als Natur) realisiert und Natur sich durch ihn vermittelt. Der Mensch verdankt sich nicht der Reflexion, die ihn zweifellos im Kreis der Natur einzigartig macht. Sondern die Reflexion ist die Sphäre, an welchem der Mensch sich gewahr wird als Wesen, das sich anderen und anderem verdankt - gerade auch in seinem Selbstsein. Was die Kraft der dialogischen Kommunikation in der sozialen Genese des Menschen bedeutet, das ist die Kraft der Korrespondenzen in seinem naturgeschichtlichen Werden. Dieses fundiert und begleitet die Soziogenese bis heute, so gewaltig auch die Verschiebungen sein mögen, die hinsichtlich der Relevanz-Hierachien zwischen natürlichen und sozialen (artifiziellen) Objekten zu beobachten sind.
Die Möglichkeit der Naturästhetik hängt mithin an einer anthro- pologischen Struktur, die Robert Spaemann die "Indirektheit des Selbstverhältnisses" nennt. Ohne die Anerkennung der Subjektstellung der Anderen vermögen wir nicht unserer selbst gewahr zu werden. Dies ist für die kommunikative Genese des Subjekts ohne weiteres einsichtig. Hier jedoch kommt es darauf an zu verstehen, daß ohne die Anerkennung der anderen Andersheit der Natur und ihrer Dinge wir niemals über das Spiegelgefängnis des Narzißmus hinauskämen; wir müßten mithin am Erfordernis der Indirektheit unseres Selbstverhältnisses scheitern. Wie dies klassisch Ovid an seinem Narziß geschildert hat.
Wenn wir unsere Trauer artikulieren und differenzieren lernen auch kraft der nicht-intendierten, mitspielenden Korrespondenzen der Natur, dann handelt es sich um mehr als bloße Projektion, die nur durch Introjektion zurückzunehmen wäre, um den Gefühlen ihren 'eigentliches Seinsort' anzuweisen, das Innerseelische nämlich. Wenn dies zuträfe, dann wären im Verhältnis zur Seele alle Gefühlskorrespondenzen der Natur unaufgeklärte, im magischen Animismus wurzelnde Metaphern -: uneigentliches Sprechen also. Zwar finden Gefühle, in ihrer außersprachlichen Inkommensurabilität, zur Sprache und damit zur Kommensurabilität - wenigstens in der Form der intersubjektiv -allgemeinen Symbole. Gefühle finden aber zur Sprache auch und gerade dadurch,daß die reichen, nuancierten Naturkorrespondenzen in der Sprache (der Literatur) zu individualisierenden, mithin doch wieder inkommensurablen Artikulationen werden. Dies ist ein ebenso sprachgeschichtliches wie anthropologisches Faktum.


Metaphysiker


_________________________________________________
Friedrich wandelten bei dem preziösen Ton ihrer Stimme die Entzückungen eines Trinkenden an, der am Verdursten gewesen ist. Gleichzeitig brannte sein ganzes Wesen in Eifersucht.
(Gerhart Hauptmann)



Metaphysiker, 05.06.2005 17:29
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